E-Book Roman Das Xyralum

Der Feind in Terra (Kapitel 10)

Als Marsha ihre Augen öffnete, sah sie sich sich unsicher um.
Es war kalt. Sie fror.
Marsha lag auf einem Rasen.
Der Nebel war auf seinen schmalen Blättern zu Morgenreif erstarrt.
Neben ihr lag Püppi auf dem Boden und leckte sich andächtig seine Pfoten.

Offenbar war die junge Frau nach ihrer überstürzten Abreise aus dem Erdäum Karakum, nun wieder im Erdäum Terra angekommen.
Marsha ging davon aus, dass sich wohl auch Memba im Erdäum Terra befand. Doch Memba rasch wieder zu finden, das war nicht leicht.
Zwar setzten Xyrale in den Erdäen geheime Zeichen und Symbole ein, um sich erkennen zu geben, aber es war meistens eine Art Instinkt, die sie immer wieder zusammen brachte. Einige Xyrale meinten sogar, dass es das Xyralum selbst war, über das sie immer wieder zueinander fanden. Es war zudem vorteilhaft, sich im Erdäum Terra zu befinden, da es hier das Internet gab, über das man sich gegenseitig gut suchen konnte. Für die Xyrale Terras war Social Media und die Sozialen Netzwerke ein Segen und eine ideale Möglichkeit, sich gegenseitig aufzuspüren und in Kontakt zu bleiben. Alle Xyrale im Erdäum nutzten inzwischen diese Möglichkeiten, um sich verschlüsselt auszutauschen.

Marsha sah sich Püppi näher an.
Sein Hundebart war ergraut, was ein deutliches Kennzeichen dafür war, dass seine andere Hälfte im Erdäum Karakum nicht überlebt hatte.
Zwar konnten sich Hunde immer wieder neu teilen und reisen, doch starb dann einmal eine dieser Verkörperungen, dann spürten die Hunde das zumeist sehr intensiv. Es schien dann, als würden sie in kurzer Zeit, um einige Jahre altern.

Sie sprach Püppi in seiner Sprache an, um ihm ihren Respekt zu zollen.
Immerhin hatte Püppi das Leben von Memba und ihr gerettet.
Es waren Laute der Zuneigung, des Mitleids und der Liebe, die Marsha kunstvoll in seine Ohren hauchte.

Püppi sah sie an und hechelte. Er hatte deutlich Mundgeruch. Dann erwiderte er etwas in seiner Sprache und erhob sich. Er wedelte mit seinem Schwanz.

Marsha musste lachen.

Ihr Püppi war einfach nicht klein zu bekommen.
Er wollte sofort aufbrechen, um Memba zu finden.
Die Treue eines Hundes zu den Xyralen, sie war in ihm einfach enorm stark ausgeprägt. Vielleicht war es auch nur die Abneigung gegen die Umbrae Mortis, die ihn immer wieder antrieb.
Marsha hatte keine Zeit, darüber nach zu denken.
Sie musste Memba finden und zwar schnell.
Die Gefahr für das Erdäum Terra, sie war inzwischen nur noch bedrohlicher geworden.
Die wenigen Xyrale Terras mussten unverzüglich handeln.

 

Professor Dr. Schmidt stockte der Atem, als er von dem neuen Anschlag erfuhr.
Im Vatikan war eine Bombe gezündet worden. Eine große Bombe war es. Zu schweren Verlusten und Gebäudeschäden war es gekommen.
Der Papst lag verletzt im Krankenhaus. Die Christen der Welt, sie waren vor Schreck nahezu gelähmt und standen unter Schock.
Dieser Anschlag gelang nur, weil die Terroristen im Vatikan Unterstützer gehabt hatten. Auch Mitglieder der Schweizer Garde waren offenbar mit darin verwickelt.

Sofort war dem kleinen Professor klar, dass hinter diesem feigen Anschlag nur die neuen Feinde der Menschen stecken konnten. Diese vielen Verbindungen zu den wichtigen Stellen im Vatikan, sie waren anders einfach nicht erklärbar.
Sofort liess der kleine Professor eine Krisensitzung einberufen.
Es blieb seinem Team und ihm keine Zeit mehr.
Sie mussten jetzt zeigen, dass die Menschen sich zur Wehr setzen konnten.
Doch ihm war auch klar, dass es kaum echte Möglichkeiten dafür gab.

Als Tina, Gabriel, Marani und der wissenschaftliche Leiter im Besprechungsraum angekommen waren, unterrichtete der Professor sie über den Anschlag.
Er sah fast nur in betroffene Gesichter. Lediglich Gabriel ließ die Nachricht augenscheinlich unberührt. Jedenfalls zeigte er keinerlei Regung oder irgend eine Betroffenheit.

»Meine Dame, meine Herren, was sollen wir jetzt machen? Wir müssen eine Antwort an diese Bastarde konstruieren. Auch unsere Verbündeten erwarten das von uns. Da sie selbst nicht sehr erfolgreich darin waren, Möglichkeiten zur Abwehr zu finden, setzen sie nun uns massiv unter Druck. Ohne ein Ziel ist es eben sehr schwierig, seine Gegner mit Bomben und Raketen zu treffen. Wir sind uns hoffentlich alle darüber im Klaren, dass auch unsere Bündnispartner in dieser Sache Fehler gemacht haben.«, erläuterte der kleine Professor.

Der wissenschaftliche Leiter legte einen Aluminiumkoffer auf den Tisch und öffnete ihn.
In dem Koffer lagen ein dutzend Monokel ähnliche Gebilde auf Seide fein säuberlich aneinander gereiht.

»Sehr verehrte Kollegen, ganz so aussichtslos ist unsere Situation vielleicht doch auch nicht. Was sie hier sehen, das ist eine nagelneue Entwicklung des Wissenschaftsteams. Wir haben unsere Erkenntnisse über die Angreifer, wir nennen sie inzwischen P33, noch einmal komplett durchgearbeitet. Diese haben wir mit den Erfahrungen von unserem Freund Marani abgeglichen. Offenbar ist es so, dass P33 bei dem Besetzen eines menschlichen Körpers die echte Persönlichkeit des betroffenen Menschen in eine eigene Gehirnregion verdrängt. Diese Veränderung können wir inzwischen messen und sogar optisch darstellen. Wir haben eine Möglichkeit gefunden, einen Abgleich der Wärmesignatur eines Menschen zu erfassen und entsprechend zu interpretieren. Mit Hilfe dieser so genannten Head-Mounted Displays, kurz HMD genannt, erhoffen wir uns nun, besetzte Menschen erkennen zu können. Die neuen HMD projizieren die ermittelten Werte direkt auf die Netzhaut seines Trägers. Da die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass ein besetzter Menschen auch ein P33 ist, haben wir ihn als Verdächtigen damit identifiziert. Lediglich eine kleine, abgeschirmte Funkbox gehören noch zu so einem HMD dazu. Das Display ist somit ein handliches Werkzeug zur Identifikation von P33.«

Der kleine Professor nahm eines dieser HMD in seine Hand und sah es sich ungläubig an.

»Funktioniert das Ding auch wirklich? Ich würde das gerne einmal testen.«

»Selbstverständlich, ich schliesse es ihnen an.«, antwortete der wissenschaftliche Leiter und wühlte sogleich eine kleine Funkbox aus dem Koffer. Er stellte die Verbindung zum HMD her. Dann gab er dem kleinen Professor das HMD zurück.

Der Professor setzte das Gerät an sein linkes Auge und sah sich damit prüfend um.

»Das ist wirklich ganz erstaunlich. Ich sehe um ihre Körper eine schwache Aura leuchten. Da ist ein helles, weißes Licht um jeden von ihnen herum.«

Tina schmunzelte.
Der kleine Professor wirkte im Augenblick auf sie, wie ein kleiner Junge, der etwas Neues zum Spielen bekommen hatte.

Der wissenschaftliche Leiter schüttelte mit dem Kopf und wollte sogleich das HMD zurück.

»Nein, das ist nicht gut. Die Aura hätte in einem hellen Blau leuchten müssen. Die Auflösung funktioniert offenbar noch nicht richtig. Ich spiele rasch ein Update ein.«, meinte er und holte seinen Laptop hervor.

Während er konzentriert mit dem Software-Update beschäftigt war, nutze Tina die Gelegenheit, um auf das HMD einzugehen.

»Sollten diese Dinger tatsächlich halten, was man uns verspricht, dann sind wir zumindest in der Lage, besetzte Menschen zu erkennen. Doch wenn wir sie erst einmal erkannt haben, was soll dann mit ihnen geschehen?«

Der kleine Professor zuckte mit seinen Schulter und meinte: »Erkennen wir sie, werden wir sie in Haft nehmen und die Umwelt vor ihnen schützen. Ist Gefahr im Verzug, dann werden wir alles unternehmen, um diese Gefahr abzuwenden.«

Marani lachte laut auf und ergänzte: »Sie meinen, dass sie dann notfalls auch getötet werden. Ist es ihnen eigentlich egal, was mit den Menschen geschieht, die von P33 besetzt wurden? Wir können sie doch nicht einfach gleich mit töten. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit, sie wieder zu aktivieren und die Besetzung ihres Körpers aufzuheben. Wir könnten versuchen, ihnen ihr Leben wieder zurück zu geben.«

Gabriel stand auf und ging zur Tür.

»Nein, mir ist natürlich nicht egal, was mit ihnen geschieht. Wir werden jedem besetzten Menschen helfen, wenn wir das können. Doch wenn sie eine Bombe zünden wollen, dann werden wir ihnen dabei sicher nicht einfach nur zusehen. Ich denke auch nicht, dass die besetzten Menschen wollen, dass sie Bomben zünden und töten. Immerhin haben die Angreifer ihnen eine perfide Form von Gewalt angetan. Sie sind einfach in ihren Körper eingedrungen und haben sie in eine finstere Kammer ihres Gehirns gesperrt.«, antwortete der Professor, während er sich das HMD erneut aufsetzte.

Dieses hatte ihm der technische Leiter mit den Worten gereicht: »Nun sollte es einwandfrei funktionieren.«

Das wollte der kleine Professor natürlich sofort testen. Er sah sie interessiert um, und seine Miene hellte sich auf.

»Ja, nun ist alles schön blau. So wie sie es gesagt hatten. Wir sollten es schon bald an echten Feinden testen. Ich will sehen, wie P33 mit dem Ding aussieht und wie leistungsfähig es ist.«

Der kleine Professor dreht sich langsam im Raum und wollte gerade das HMD wieder abnehmen, als er plötzlich inne hielt.
Der wissenschaftliche Leiter tippte inzwischen hektisch auf seinem Laptop herum.
Tina sah den Professor verwirrt an.

»Was ist los, Professor?«, fragte sie ihn.

Der kleine Professor starrte gebannt in Gabriels Richtung.
Er stand neben der Tür und wirkte auffällig nervös.

»Woran kann ich eigentlich erkennen, ob ein Mensch besetzt ist?«, fragte der Professor.
Er wirkte ein wenig abwesend, als er fragte.

»Bei einem besetzten Menschen scheint die Lichtaura im Hinterkopfbereich nicht mehr in einem hellen Blau. In diesem Bereich leuchtet sie in kräftiger oranger, bis roter Farbe.«, bekam er von dem Wissenschaftler als Antwort, ohne das dieser von seinem Laptop aufsah.

»Dann, so mein lieber Gabriel, dann sind sie wohl ganz offensichtlich von einem Angreifer besetzt.«, platzte es dem kleinen Professor laut heraus. Er huschte mit einem Satz zu dem Alarmknopf an der Wand, um diesen sofort zu drücken.

Gabriel riss die Tür auf und rannte aus dem Besprechungsraum.
Eine Alarmsirene erklang.

Der kleine Professor nahm den Telefonhörer und rief die Wache an: »Gabriel ist geflohen. Er scheint vom Feind besetzt zu sein. Wir müssen ihn unbedingt stellen. Bitte versuchen Sie ihn lebend zu fangen. Er könnte für uns sehr nützlich sein. Wir brauchen ihn leben und nicht in einem Leichensack. Ist das klar? Nicht töten…«, gab er deutlich die Anweisung und knallte wütend den Hörer auf den Tisch.

Tina zuckte zusammen.
Marani war aufgeregt.
Kurz darauf hörte man, wie sich die schweren Tore automatisch schlossen.
Ein tiefes Grollen liess die künstlichen Wände des Raumes beben.

»Das ist wirklich unglaublich. Ich wollte es nicht für möglich halten. Doch es hat sich tatsächlich bestätigt.«, murmelte der kleine Professor vor sich hin.

»Sie haben es gewusst?«, fragte Marani ihn verwundert.

»Gewusst habe ich es nicht. Doch ich hatte so einen Verdacht. Nachforschungen haben ergeben, das Gabriel offenbar mit der Zeit Gefallen an der andere anderen Seite gefunden hat. Offenbar konnte er kaum mehr zwischen den Welten in denen er sich ständig befand unterscheiden. Einige befreundete Psychologen hatten mich vor so einer Entwicklung gewarnt.«

Tina wandte sich vorwurfsvoll an den Professor: »Dieser Job her unten, der hat ihn in diese Gefahr getrieben. Ihnen war das doch sicher klar, oder? Wenn ihm etwas geschieht, dann sind sie dafür verantwortlich, Professor.«

Wenige Augenblicke später brachten 2 Soldaten Gabriel mit Handschellen gefesselt in den Besprechungsraum. Er wurde auf einen der Stühle gesetzt und sein linker Fuss mit einem Kabelbinder an den Tisch fest gemacht. Dann verliessen die beiden Soldaten den Besprechungsraum und nahmen vor der Tür ihren Posten ein.

»Na, schon wieder da, Gabriel? Aber sollen wir sie überhaupt noch Gabriel nennen?«, meinte der Professor und setze sich direkt neben Gabriel halb auf den Tisch.

»Ihr habt doch überhaupt keine Ahnung, mit was ihr es hier wirklich zu tun habt. Froh solltet ihr sein, dass wir euch von eurem Leid erlösen werden.«, zischte Gabriel den kleinen Professor zornig an.

Tina war hellwach.
Sie hatten hier nun den echten Feind der Menschen direkt vor sich.
Tina wusste nicht, ob sie alles glauben sollte, was sie hier gerade erlebte.
Sollte so der erste Kontakt mit einer anderen Spezies aussehen?
Die Bedrohung war nun ganz nahe bei ihr. Immer wieder suchte sie den Blickkontakt zu Marani, der ebenfalls überfordert wirkte. Marani hatte selbst nichts davon bemerkt, dass Gabriel von P33 besetzt worden war. Er wollte seine Fähigkeiten nicht beim eigenen Team einsetzen. Auch wäre sein Scannen sicher gleich von Gabriel bemerkt worden. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, es nicht getan zu haben? Er war sich nicht sicher. Man durfte offenbar keinem Menschen mehr trauen.

»Marani, nehmen sie sich unseren Gabriel doch einmal vor. Ich will alles wissen, was in dem wirren Kopf von dieser Kreatur vor sich geht.«, fordert der Professor auf und sah Marani dabei ernst an.

Marani schreckte hoch.
Damit hatte er nicht gerechnet. Doch ihm war schon klar, dass es seine Aufgabe war, so etwas zu tun. Allerdings jetzt in diesem Augenblick, wo es darauf ankam, die Leistung zu erbringen, war er deutlich verunsichert. Er kannte Gabriel inzwischen ein wenig. Wenn P33 nur ein wenig von Gabriels Fähigkeiten nutzen konnte, dann dürfte dieser Scan sicherlich kein Spaziergang für ihn werden.

»Los, Marani, fangen sie schon an, nur zu.«, verlieh der Professor seiner Aufforderung noch einmal Nachdruck.

Gabriel sah Marani direkt ins Gesicht. In seinen Augen war keine Spur von Unsicherheit oder Angst zu erkennen. Es war eher eine Form von Verachtung, die in seinen Augen blitzte. Marani spürte sofort, wie sein Geist auf eine starke Persönlichkeit traf. Von Gabriel schien nichts mehr in dieser Kreatur vorhanden gewesen zu sein.
Eine Ahnung von Lächeln war auf Gabriels Lippen zu erkennen.

»Nur zu, Marani. Ich warte schon auf dich.«, flüsterte ihm Gabriel zu.

Tina beobachtete die gesamte Szenerie gebannt.

Der Professor schüttelte nur seinen Kopf. »Los, Marani!«, wurde er dann laut.

Marani legte vorsichtig seine Finger auf Gabriels Hand, konzentrierte sich und begann damit, Gabriel zu scannen.
Es war schwierig in den Geist dieses Mannes einzudringen. Doch es gelang ihm schliesslich. Eigentlich hatte er es sich schwieriger vorgestellt. Marani besass jedoch kaum Erfahrung mit besetzten Menschen.

Als er den Mann vor ihm scannte, sah er viele seltsame Bilder.
Alles erschien ihm wirr und seltsam fremd. Ihm war, als würde er durch ein Fernglas in eine andere Welt schauen.
Dort waren schlanke, humanoide Kreaturen. Sie sprachen miteinander. Ihre Blicke waren ernst.
Dann erkannte er Menschen. Sie hatten offenbar das Sagen und wiesen immer wieder einige dieser hageren Kreaturen an.
Es war ein riesiger Platz oder eine große Halle in der sie sich befanden.
Dann zeigte einer der menschlichen Anführer plötzlich in Maranis Richtung.
Einige der hageren Gestalten blickten Marani nun direkt an.
Er wusste, dass sie eigentlich jene Kreatur ansahen, die nun Gabriel besetzte.
Aber dennoch war es ein bedrohliches Gefühl. Kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
Sie kommunizierten miteinander. Doch Marani verstand nichts von dem, was dort gesprochen wurde. Aber je mehr diese seltsame Gruppe debattierte, ahnte Marani, dass sie offenbar über etwas erregt waren. Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass es wohl eine Warnung oder Alarmierung war, die der Feind in Gabriel übermittelte.
Plötzlich war in der Halle eine Menge Aufruhr.
Offenbar rüsteten sich viele dieser Wesen für eine Art Reise oder Aufbruch.
Immer mehr von ihnen versammelten sich in der riesigen Halle.
Ihre menschlichen Anführer riefen immer wieder laute Anweisungen.

Marani empfand die Situation allmählich sehr bedrohlich.
Doch als er den Scan von Gabriel unterbrechen wollte, gelang es ihm nicht. Er konnte sich einfach nicht von ihm trennen. Dieser Feind in Gabriels Körper hielt ihn, wie mit stählerner Faust umklammert, an seinen Geist gebunden. So sehr Marani sich auch wehrte, er war und blieb gefangen.
Er konnte nicht mehr zurück. Er war P33 in die Falle gegangen.



Marsha fand Memba unerwartet schnell.
Sie sass mit Püppi in einem Internet-Café, um sie zu finden. Dort wurde sie auch rasch fündig. Für geheime Operationen und Kommunikation war das Internet ein wahrer Segen. Da Memba jedoch in einem älteren Frauenkörper erwacht war, der im Norden Deutschlands lebte, verabredeten sich die beide Frauen in Mannheim am Wasserturm. Für beide war der Weg nach Mannheim nahezu gleich weit.

Sie trafen sich am kommenden Tag jedoch erst, als die Sonne bereits untergegangen war. Mannheim präsentierte sich am frühen Abend am schönsten.
Beide Frauen zogen sich in eine kleine Kneipe im alten Teil der deutschen Quadratestadt zurück. Sie wollten möglichst ungestört sein, was bei Marshas Aussehen nicht leicht umzusetzen war. Sie mussten sich umgehend beraten. Beide hatten sie von dem Attentat im Vatikan gehört. Alle Medien berichteten auch davon. Die beiden Frauen ordneten es gleich den ambalosischen Agenten zu. Daher war es einfach offensichtlich, dass die Agenten mit dem Besetzen der Schlüsselpositionen in Terra weit fortgeschritten waren. Marsha hatte als Xyral bereits viele unschöne Erfahrungen sammeln müssen. Doch jetzt spürte sie wirklich zum ersten Mal, wie echte und knallharte Angst in ihr zu wüten begann.

»Ich habe von einer Gruppe Spezialisten gehört. Die Gruppe soll vor einigen Monaten zusammengestellt worden sein, um hier in Deutschland übersinnliche Fähigkeiten erforschen. Das ist kurios. Diese Gruppe hat sicherlich etwas mit der ambalosischen Invasion zu tun. Wir sollten versuchen, diese Leute zu finden. Dort können wir bestimmt mehr erfahren. Um effektiver etwas gegen diesen Angriff unternehmen zu können, müssen wir gut informiert sein. Wir brauchen zudem Unterstützung. Auf jeden Fall ist Unterstützung besser, als wenn wir alleine gegen sie vorgehen.«, meinte Marsha.

Memba pflichtete ihr sofort bei.

Obwohl Memba in dem Körper einer älteren Frau steckte, bemerkte Marsha an ihrer Mimik und Gestik, wie besorgt sie war.
Memba dachte immer wieder an ihre Familie, an ihren Bruder und ihren Vater.
Immerhin waren sie offenbar in der Hand ambalosischer Agenten auf Karakum. Die Regierung war ebenfalls den Invasoren Karakums ausgeliefert. Memba hoffte insgeheim, dass ihren Angehörigen vielleicht doch die Flucht gelungen war. Hier in Terra wollte sie helfen. Doch in dem Körper dieser schon etwas älteren Frau, da war das sicher nicht ganz so leicht. Ihr Einfluss auf das Xyralum, er war wegen dem Fehlen der jugendlichen Phantasie ebenfalls geschwächt. Auch war sie hier im Erdäum Terra, eine Mutter und Ehefrau. Ihre Familie sorgte sich bestimmt schon um sie. Zwar verschwanden in Terra immer wieder Menschen, tauchten einfach unter oder waren plötzlich spurlos verschwunden. Doch Memba sorgte sich akut viel um ihre Familie in Karakum. Daher fühlte und litt sie auch intensiv mit der Familie in Terra, die nun ihre Mutter und Ehefrau verzweifelt suchte. In solchen Zeiten hasste es Memba, ein Xyral zu sein. Nur ihr Auftrag, er war klar und unmissverständlich. Ihre Bestimmung war es, dieses Erdäum gegen die ambalosischen Eindringlinge zu schützen und zu verteidigen. Der Schutz des Waagumal, er war ihr Leben. Deshalb war sie hier.

Memba nickte der wesentlich jüngeren Marsha zu.
Püppi schlief unter dem Tisch.
Da er ein großer Hund war, ragte sein Hinterteil unter dem Tisch hervor.

Beide Frauen zahlten kurze Zeit später ihren Cappuccino.
Man hätte sie fast für eine Mutter mit ihrer Tochter halten können.
Doch das waren sie nicht. Sie waren mächtige Verbündete im Kampf um dieses Erdäum.

Also machten sie sich unverzüglich auf den Weg zum kleinen Mannheimer City Airport, um einen Flug nach Berlin zu nehmen. Sie durften einfach keine Zeit mehr verlieren.
Püppi schickten sie mit einem Kurier nach Berlin, da er nicht auf die Schnelle mitfliegen durfte. Marsha war darüber sehr besorgt. Der Hund war für sie immer ein wenig zusätzliche Sicherheit.

Marani war noch immer in Gabriels Körper eingesperrt.
Unfähig sich von ihm zu lösen, konnte er zwar jedes Wort hören, das im Raum gesprochen wurde, doch er selbst war unfähig zu sprechen oder sich auch nur zu bewegen.
So sass er auf seinem Stuhl mit der rechten Hand auf Gabriels Fingern.
Er bewegte sich nicht.

Inzwischen wurde der kleine Professor unruhig. Er schien instinktiv zu spüren, dass etwas nicht stimmte.

Der Professor rief im Labor an. Einige Wissenschaftler sollten sich beeilen, um zu helfen, Marani von Gabriel zu trennen. Marani hörte die wütende Stimme des Professors so, als würde dieser im offenen Nebenraum stehen.

Doch als die Wissenschaftler schliesslich eintrafen, da zeigte sich, dass auch sie machtlos waren. Es gelang ihnen einfach nicht, beide Männer zu trennen. Sie warnten dringend davor, es mit Gewalt zu versuchen. Die Wissenschaftler waren der Ansicht, dass es zu ernsthaften Schäden bei den Männern kommen würde, trennte man sie einfach mit roher Gewalt.

Marani spürte unterdessen, wie er langsam unruhig wurde. Gabriel hatte offenbar die Macht, ihn so lange gefangen zu halten, wie er es für nötig und richtig hielt.

Plötzlich drang ein tiefes Grollen durch den Raum, und der Boden bebte merklich unter seinen Füssen.
Sogleich brach eine große Hektik im Raum aus.
Der Professor telefonierte mit der Wache.
Im Hintergrund waren entfernte Schüsse und Schreie zu hören.
Das unterirdische Labor wurde offenbar angegriffen.

Die Angreifer näherten sich rasch.
Wenn Marani diesen Angriff überleben wollte, dann musste er sich von Gabriel irgendwie lösen. Doch er war völlig unfähig, auch nur überhaupt irgend etwas zu tun.
So sass er nur regungslos da und starrte Gabriel einfach nur an.

Tina war ziemlich aufgebracht. Sie beschimpfte den kleinen Professor.
Er war immerhin verantwortlich für seine Mitarbeiter.
Doch davon wollte der Professor nichts hören.
Er gab lieber erst einmal Anweisungen, sich zurück zu ziehen.

Dann hörte man ein lautes Krachen und das Zersplittern von Glas.

»Marani, du musst dich von ihm trennen. Du musst es schaffen, sonst wirst du hier unten sterben.«, flehte ihn Tina an.

Sie war ganz nahe bei ihm. Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter und und roch ihr Parfüm.

Dann krachte es erneut und wieder zerbrach Glas.
Der Professor schrie wütend herum. Männer liefen umher. Schüsse waren zu hören. Sie waren ganz nahe.

Marani rührte sich nicht.

Dann hörte man den Aufschrei eines Mannes. Offenbar war er von einem Angreifer getroffen worden.

»Wir müssen weg, Marani. Los, kämpfe! Befreie dich von ihm!«, schrie ihn Tina an und rüttelte an seinem Körper. Sie war völlig verzweifelt.

Marani jedoch, er konnte nichts tun. Er war Gabriel völlig hilflos ausgeliefert. Gabriel hielt in gnadenlos gefangen.

Die Einschüsse der Angreifer waren immer häufiger in seiner Nähe. Die Situation wurde inzwischen extrem bedrohlich.

Dann geschah etwas Unerwartetes. Gabriel begann am ganzen Körper zu zittern.
Tina hatte ihre Hand auf seine Knie gelegt und schien sich zu konzentrieren.
Offenbar hatte sie auf das Wasser in Gabriels Körper Einfluss genommen.
Sie setzte ihre Begabung ein, um Marani zu retten.

Plötzlich sah Marani entsetzliche Bilder. Offenbar speiste Tina das Wasser mit Informationen. Gabriels Körper versuchte, diese zu verarbeiten.
Da Marani mit Gabriel verbunden war, spürte er das Einwirken Tinas ebenfalls.
Die Informationsflut wurde immer grösser.
Marani spürte, wie Gabriel unter der enormen Masse an Eindrücken und Emotionen litt. Gabriel wurde deutlich schwächer.

So unternahm Marani noch einmal höchste Anstrengungen, sich gegen Gabriels Umklammerung zu wehren.
Gabriel hatte immer mehr Probleme damit, alle Eindrücke entsprechend zu verarbeiten.
Marani spürte deutlich, wie sehr er litt.
Doch Gabriel war sehr stark und es war einfach nicht zu schaffen, sich von ihm zu lösen.

Da krallte sich Tina mit beiden Händen an Gabriel fest und begann damit, sich noch aufwendiger zu konzentrieren.

Gabriel begann zu schreien. Bilder schossen durch seinen Kopf, als hätten sie nur das eine Ziel, sein Gehirn zu zerfetzen.

Das war selbst für den armen Marani zu viel. Auch er begann laut zu schreien.
Der Druck in seinem Kopf wurde so sehr gewaltig gross, dass er es nicht aushalten konnte.
Plötzlich gab Gabriel ihn unerwartet frei und kippte mit seinem Stuhl zu Seite.
Tina hielt ihn noch immer fest.
Da Gabriel noch immer an den Tisch gefesselt war, konnte er nicht weg kriechen und schrie verzweifelt unter Tinas mörderischem Einfluss.

Wieder krachte es. Glasscherben flogen umher.

Der kleine Professor und die meisten Wissenschaftler, sie waren bereits geflohen.
Einige lagen verwundet oder auch tot auf dem Boden.

Gabriel schrie und zog immer wieder verzweifelt mit seinem Bein, das an das Tischbein gefesselt war, am Konferenztisch.
Doch Tina ließ nicht von ihm ab.
Sie kniete neben Gabriel und hatte ihre Hände noch immer fest in seine Oberschenkel gekrallt.

Marani atmete schwer.
In seinem Schädel hämmerten Kopfschmerzen in der Frequenz seines Pulses.
Er musste sich übergeben.

Das Schreien von Gabriel wurde unterdessen immer lauter.

Marani wollte sich gerade Tina zuwenden, da musste er mit ansehen, wie das Blut in Gabriel Körper regelrecht zu kochen begann.

»Tina! Tina, lass ab von ihm! Du bringst ihn ja um…«, rief er ihr zu.

Doch Tina war nicht mehr sie selbst.
Fast wie in einer Art Blutrausch, so hing sie über Gabriel und setzte weiter ihre Fähigkeiten ein.
Er schrie um sein Leben.
Es mussten höllische Schmerzen für ihn gewesen sein, da sich im Gesicht und an den Armen inzwischen die Haut ab zu lösen begann.
Dann begann er aus den Augenhöhlen und seinen Ohren zu bluten.
Er warf seinen Kopf immer wieder verzweifelt hin und her.

Schüsse waren zu hören.

Marani spürte einen dumpfen Ruck in seiner linken Schulter.
Er war getroffen worden.

»Wir müssen fliehen, Tina. Ich bitte dich. Wir müssen fliehen, so lange es noch geht.«, rief er verzweifelt immer wieder auf sie ein, während er spüre, wie das Blut an seinem Arm herunter lief.

Dann hörte er ein unschönes, dumpfes Geräusch.
Wasserdampf fauchte aus Gabriel Mund und seiner Hose.
Sein Blick wurde starr. Seine Schreie verstummten augenblicklich.
Gabriel sank leblos zurück, während Tina sich noch immer über ihn beugte.

Tina hatte Gabriel getötet.

Fassungslos starrte sie auf den leblosen Körper.
Gabriel sah unter ihr fast aus, wie ein gedämpfter Karpfen.

Marani nahm Tina unter den Armen und hob sie behutsam hoch.
Er fluchte. Seine Schulter schmerzte sehr.
Doch sie mussten sich beide rasch in Sicherheit bringen, wollten sie dieses Chaos überleben.
Also trug er sie unter heftigen Schmerzen aus dem Besprechungsraum.
So schnell es eben unter diesen Bedingungen möglich war, lief er den Gang entlang.
Von Zeit zu Zeit passierten sie Wachen, die leblos auf dem Boden lagen.
Tina lag völlig kraftlos in seinen Armen.
Sein verletzter Arm fühlte sich fast vollkommen taub an.
Keuchend schleppte er sich die Labore und Gänge hinauf und vermied es dabei, auf Angreifer zu treffen. Auch war es sehr schwer, die Angreifer von den Wachen zu unterscheiden. Man sah keinem Menschen sogleich an, ob er von P33 besetzt war.
Jeder in dieser Anlage konnte es auf sie abgesehen haben.
Sie mussten hier schnell verschwinden.
So setzte Marani seine ganze noch verfügbare Kraft ein, um die unterirdischen Labore in Richtung Erdoberfläche zu verlassen.
Er wollte am Leben bleiben.

Von seinen ganzen Anstrengungen bekam Tina kaum etwas mit.
Sie lag ohne Bewusstsein in seinen Armen.
Wäre sie nicht von so zierlicher Gestalt gewesen, dann hätte Marani wohl keine Chance gehabt, sie mit seiner Verletzung, so weit zu tragen.



Für Marsha und Memba war es schwierig, sich in Berlin zurecht zu finden.
Für sie war es zunächst am schlüssigsten, dass sich das Labor dieser geheimnisvollen Gruppe wohl irgendwo im Umland der Stadt befand.
So fuhren sie mit dem Taxi eigentlich eher ziellos herum und suchten nach möglichen Hinweisen.

Dann fiel ihnen auf, dass ungewöhnlich viele Hubschrauber in der Luft waren.
Alle flogen offenbar in eine bestimmte Richtung.
Das Taxi folgten ihnen.
Der Verkehr kam immer mehr ins Stocken. Offenbar hatte es einen Unfall gegeben.
Als die beiden Frauen nicht mehr voran kamen und im Stau fest steckten, bezahlten sie den Taxifahrer und stiegen aus. Sie wollten es versuchen, zu Fuss weiter zu kommen.

Die Sonne war schon fast untergegangen.
Da fiel ihnen auf, dass der Grund für den Stau wohl ein Feuer gewesen war.
Es roch nach Rauch.
Man konnte in der Dunkelheit deutlich den rötlichen Schein des Feuers erkennen.

Sie folgten der Strasse.
Vielleicht hatte dieses Ereignis etwas mit der Invasion zu tun.
Sie mussten das heraus finden. Es war zumindest schon einmal eine Spur.

Der Strasse folgten sie eine Weile, bis sie auf eine Strassensperre des Militärs stiessen.
Das war ungewöhnlich für Deutschland.
Marsha wusste nur zu gut, dass in Deutschland fast nie das Militär eingesetzt wurde.
Das hatte geschichtliche Gründe.

Da die Soldaten sie nicht durch lassen wollten, versuchten es die beiden Xyrale eben einige Meter weiter, neben der Strasse. Dort waren sie für die Soldaten nicht mehr zu sehen.

Sie huschten zwischen dem losen Blätterwerk umher, immer in Richtung Feuerschein. Offenbar war dort eine kleinere Industrieanlage in Brand geraten.
In der Ferne hörte man lautes Krachen. Würde man nicht an kleinere Explosionen im Zusammenhang mit dem Feuer denken, so konnte man meinen, Schüsse und lauten Gefechtslärm zu hören.
Marsha und Memba sahen sich überrascht an.

Vorsichtig näherten sich die beiden Xyrale der brennenden Anlage.
Je näher sie kamen, desto offensichtlicher wurde es, dass es nicht das Feuer und die Schreie der Feuerwehrleute waren, die sie hörten.
Dort gab es tatsächlich ein Gefecht.
Beide Frauen hielten sich zunächst ein wenig im Hintergrund.
Die Xyrale hielten es für besser, nicht sogleich entdeckt zu werden.
Zuerst wollten sie sich ein Bild von der Lage verschaffen. Sie waren sich nicht sicher, ob ein direktes Eingreifen tatsächlich sinnvoll war. Vielleicht war es diese geheimnisvolle Gruppe nicht wert, dass zwei Xyrale ihre Tarnung aufgaben. Im Erdäum Terra hielten sich leider nicht mehr viele Xyrale auf.

In diesem Augenblick dachte Marsha an Jan. Ihr alter Partner war so ein sturer Narr.
Sie hätte ihn hier wirklich gerne mit dabei gehabt. Doch er hatte sie nur einfach davon gejagt und zudem noch die gute Larissa bei sich behalten.
Marsha war enttäuscht.
Auch fehlte ihr Püppi.
Der Hund sollte erst am nächsten Tag in Berlin eintreffen.
Sollte Marsha bis dahin auf Schatten treffen, war sie als Xyral in großer Gefahr.
Dieses Gefecht stand für Marsha also wirklich unter einem ziemlich schlechten Stern.

So lagen die sie zunächst im hohen Gras hinter einigen Büschen und beobachteten das ganze Geschehen.

Nach einer Weile wurde es etwas ruhiger.
Die Angreifer hatten ganz offensichtlich die Oberhand gewonnen.
Das war nicht gut.

Dann hörte Memba eine leise Stimme, die rasch lauter wurde.
Sie gab Marsha ein warnendes Handzeichen.
Beide Frauen warteten in ihrer Deckung ab.
Sie waren deutlich angespannt.
Hoffentlich wurden sie nicht entdeckt.

Dann hörten sie plötzlich ein leises Stöhnen.

Kurz darauf sahen sie, wie ein Mann sich ziemlich schwerfällig näherte.
Er schien verletzt zu sein und etwas auf seinen gebeugten Armen zu tragen.
Nur wenige Meter von den beiden weiblichen Xyralen entfernt, brach der Mann zusammen.
Vorsichtig näherte sich Marsha dem Mann und bemerkte sogleich, dass er eine Frau bei sich hatte.

Es waren Marani und Tina.
Ihnen war die Flucht aus dem unterirdischen Forschungszentrum gelungen.
Doch die Anstrengung und der Blutverlust durch die verletzte Schulter hatte Maranis letzten Kräfte aufgezehrt.

Jedoch mit Hilfe der Frauen kamen schliesslich beide wieder zu sich und versteckten sich ebenfalls hinter den Büschen. Memba sah sich besorgt die Verwundung an.
Es war glücklicherweise nur eine überschaubare Fleischwunde.
Die Blutung hatte inzwischen auch schon etwas nachgelassen.
Allerdings sollte sie bald ärztlich versorgt werden.

Marsha und Tina beobachteten konzentriert das Forschungszentrum.
Dort bemühten sich die Invasoren darum, so rasch wie möglich wieder alles in den Normalzustand zu versetzen. Offenbar sollte diese Übernahme so wenig Aufsehen wie möglich erzeugen.

Marani und Tina erzählten zunächst nichts von den Angreifern.
Sie schoben diesen ganzen Vorfall und die Schüsse auf eine Terrorgruppe. Davon gab es inzwischen leider reichlich auf der Welt.
Doch Memba und Marsha wussten natürlich nur zu gut, was es wirklich war, was dort im Forschungszentrum vor sich ging.

»Wir müssen hier verschwinden. Die Typen entdecken uns sonst noch.«, meinte Marsha zu Tina, ohne ihren Blick von dem Forschungszentrum abzuwenden.

Tina nickte und sagte: »Sehe ich auch so. Ich habe keine Lust von denen erschossen zu werden.«

»Ja, auch Marani geht es nicht wirklich gut. Ein Arzt sollte sich seine Schulter ansehen. Was wird dort hinten eigentlich erforscht? Sieht alles ziemlich geheimnisvoll aus. Ist das ein Projekt der Regierung?«, fragte Marsha scheinheilig.

»Ich darf darüber nicht sprechen, Marsha. Jedenfalls ist es eine Katastrophe, dass dort diese Terroristen nun ihr Unwesen treiben.«

»Ja, das sehe ich auch so. Wo ist die Polizei? Wo ist das Militär? Vielleicht war eure Forschungseinrichtung illegal, und ihr seid die Terroristen. Sollte ich die Angreifer dort hinten einfach einmal fragen und euch womöglich ausliefern? Was meinst du, Tina?«, provozierte Marsha ein wenig.

Sie war verärgert darüber, dass sie hier ihre ohnehin schon knappe Zeit, mit zwei Forschern verbrachten, die offensichtlich mehr über den ambalosischen Angriff wussten, als sie es zu gaben. Obwohl es ziemlich dunkel war, konnte sie erkennen, wie Tina im Gesicht errötete.

»Wir sollten wirklich von hier verschwinden.«, flüsterte Marani ihnen zu.

Er war offenbar wieder ein wenig zu Kräften gekommen und verzog nun sein Gesicht, weil ihm seine verletzte Schulter noch Schmerzen bereitete.

Memba sass neben ihm im Gras und sah ihn an.
Marsha blickte sich um und nickte Marani wortlos zu. Sie sah Memba in die Augen.
Das durfte doch nicht wahr sein: Memba war ganz offensichtlich gerade dabei, sich in Marani zu verlieben. Sie kannte Memba nun schon lange genug, um zu erkennen, dass sie beim Anblick von Marani nahezu butterweich wurde.

»Ja, los.«, meinte sie nur knapp.

Sie schlichen sich daraufhin langsam zurück zur Strasse.
Dort versuchten sie sich ganz normal zu verhalten.
Sie wollten um keinen Preis auffallen.

»Wir suchen uns erst einmal eine Art Unterkunft. Dann sehen wir weiter. Ich denke, wir haben uns alle eine Menge zu erzählen.«, meinte Marsha zu Tina und Marani.
Beide erwiderten nichts.
Stumm folgten sie den beiden Xyralen, ohne zu wissen, an wen sie da eigentlich geraten waren. Tina und Marani waren vielmehr froh, lebendig aus der Forschungsanlage heraus gekommen zu sein. Sie mussten tatsächlich erst einmal das Erlebte für sich selbst ordnen und überlegen, was zu tun war. Vielleicht hatte es der kleine Professor geschafft? Wenn dem so war, dann mussten sie ihn schnell finden.
Die Invasoren wussten von ihnen. Sie hatten es auf sie abgesehen.
Ohne Unterstützung waren sie in grosser Gefahr.
Selbst Marsha und Memba waren verdächtig.
Was hatten sie dort in der Nacht zu suchen?

Daher schwiegen Tina und Marani.

Sie wollten zunächst abwarten, wie sich die Sache mit den beiden Frauen weiter entwickelte. Vielleicht konnten sie tatsächlich helfen?

Die kleine Gruppe gelangte schliesslich zu einer alten Gastwirtschaft.

An einem Fenster war ein Schild angebracht, auf dem ein schlauer Gastwirt seine preiswerten Fremdenzimmer anbot.
In Berlin war das eine Seltenheit.
Sie mieteten zwei der Zimmer an.
Der Gastwirt war damit einverstanden, dass nur Marani und Tina sich beim Einschreiben auswiesen. Seine neuen Gäste wirkten müde und brauchten dringend eine Dusche. Allerdings gab es nur eine Dusche auf dem oberen Flur der Gastwirtschaft.

Marani säuberte sich dort gerade seine Schulterwunde, als Memba ihn fragte, ob sie schnell unter die Dusche springen dürfe.
Ohne auf eine Antwort zu warten, huschte sie an ihm vorbei, direkt in die Duschkabine.
Marani fluchte leise.
Doch als er dann durch die Scheibe sah, wie Memba ihr Handtuch fallen liess, wurde ihm plötzlich ganz warm um sein altes Hellseherherz.
Memba war ein Frau in den besten Jahren und konnte bereits einige scharfe Kurven bieten.
Diese waren alle an genau der richtigen Stelle, wie Marani fand.
Das Duschwasser lief.
Membas Plan schien auf zu gehen.
Marani konnte seinen Blick einfach nicht von ihr abwenden.
Durch die dünnen Duschkabinenwände, da konnte er deutlich ihre Brüste erkennen.
Als Memba sie einmal gegen die Wand drückte und sie sich daraufhin nahezu exakt dort ab zeichneten, räusperte Marani sich.
Memba hörte das und lächelte in ihrer Duschkabine.
Sie rekelte sich auffällig viel beim Duschen im warmen Wasser.

Doch als sie schliesslich aus der Duschkabine stieg, war Marani bereits verschwunden. Memba war ein wenig enttäuscht darüber.
Sie zuckte mit ihren Schultern, trocknete sich ab und huschte in ihr Zimmer.
Dort wartete Tina bereits auf sie.
Beim Gastwirt unten in der Gaststube hatte sie einen kleinen Imbiss für alle besorgt.
Marsha und Marani erschienen auch.
Sie setzen sich alle an den Tisch und stopften sich die knusprigen Hähnchen und Pommes Frites hinein. Jetzt erst bemerkten sie, wie ausgehungert sie eigentlich waren.
Da war es nur zu gut, dass Tina reichlich frische Hähnchen besorgt hatte.

»Was hattet ihr eigentlich bei der Anlage zu suchen?«, fragte Tina möglichst unauffällig, während sie an einem Stück Hähnchenbrust zupfte.

Ebenso betont unauffällig antwortete Marsha: »Wir waren auf der Suche nach einer Gruppe etwas ungewöhnlicher Wissenschaftler, die an einem geheimen Projekt zur Erdverteidigung arbeiten.«

Marani verschluckte sich an seinen Pommes Frites und hustete.

»Ihr wisst davon?!«, meinte Tina verwundert und sah Marsha mit grossen Augen an.

»Ja, wir wissen davon. Wir haben von der Invasion Kenntnis. Wahrscheinlich wissen wir viel mehr, als es euch gefallen würde. Die Erde und alle ihre Lebewesen sind in großer Gefahr.«

»Das ist uns wohl bekannt. Die Angreifer haben das Labor gestürmt. Es gibt viele Tote und Verletzte. Dabei hatten wir gerade eine Möglichkeit gefunden, P33 von normalen Menschen zu unterscheiden. Jetzt sind die neuen HMD weg, und wir haben nichts mehr gegen sie in der Hand.«

Memba fragte kauend: »HMD und P33? Was meinst du damit?«

»P33 ist die interne Code-Bezeichnung für die Invasoren. Sie fahren in die Menschen hinein und verbannen deren Geist, um in den Körpern selbst leben zu können. Dabei ist für uns nicht zu erkennen, dass diese Menschen besetzt sind. Mit diesen neuartigen HMD-Visieren war es uns möglich, von P33 besetzte Menschen zu erkennen. Doch diese Visiere, sie sind nun verloren.«

»Das ist schade. Wir hätten diese HMD gut brauchen können. Doch was mir noch viel mehr Kummer bereitet ist der Umstand, dass keine staatliche Gewalt etwas gegen den Angriff des Labors unternommen hat. Offenbar sind bereits weite Teile der deutschen Regierung und der relevanten Entscheider von P33 besetzt. Das ist extrem alarmierend.«, meinte Marsha und sah Memba besorgt an.

»Ja, aber bitte was habt ihr mit der ganzen Sache zu tun?«, warf Marani plötzlich ein.

»Wir sind hier, um euch zu helfen. Die Invasoren oder P33, wie ihr sie inzwischen nennt, sie sind uns ganz gut bekannt. Sie sind hier, um euch zu versklaven und euch im Prinzip eure gesamte Hoffnung zu stehlen. Sie bringen euch finstere Schattenwesen, rauben euch das Licht. Sie gieren nach einem Teil dieser Welt, den ihr nicht einmal sehen oder messen könnt. Es ist jener Teil, der die Evolution ermöglicht. Ohne diesen Stoff werden alle Menschen verdorren und irgendwann eingehen. Unfähig, selbst einfachste Probleme zu lösen und sich weiter zu entwickeln, werden die Menschen armselige Gefangene in einem trostlosen Gefängnis ohne Mauern sein. Sie werden traurig und in quälender Angst vor sich hin vegetieren und dabei nicht einmal bemerken, dass man ihnen das Glück, die Hoffnung und die Zukunft geraubt hat. Es wird hier keinen menschlichen Geist mehr geben. So einfach ist das. Genau deshalb sind wir hier. Wir sind hier, um euch zu helfen, gegen diese P33 zu kämpfen.«, erzählte Marsha, während sie an einem fritierten Kartoffelstäbchen herum kaute.

Tina und Marani assen nun nicht mehr.
Ihnen war das Essen gründlich vergangen.
Sie sahen Marsha nur noch entsetzt an.

Marani fand als erster seine Worte wieder: »Aber was sollen wir schon gegen sie unternehmen? Sie sind uns doch völlig überlegen. Wir haben kaum Möglichkeiten, sie überhaupt zu erkennen. Wir können die Invasion nicht verhindern. Dazu sind übersinnliche Fähigkeiten notwendig. Doch nur wenige Menschen besitzen diese überhaupt. Von diesen wenigen Menschen weiss kaum jemand etwas von seinen Fähigkeiten, schämt sich für diese oder kann sie nicht gezielt einsetzen. Wir sind völlig aufgeschmissen. Die Menschen haben immer nur von einer Bedrohung aus dem Weltall gesprochen. Sie haben sich vor fremden Spezies in Raumschiffen gefürchtet. Doch diese Invasion, sie erwischt uns kalt. P33 greift uns eben nicht mit Raumschiffen und UFOs an.«

Marsha nickte nur. »Ja, Marani, P33 ist nicht von einem anderen Planeten. Ihr seid auf eurer Erde noch nie wirklich ganz alleine gewesen. Nur habt ihr es nicht bemerkt. Wenn einmal etwas Ungewöhnliches auffiel, dann wurde es nicht ernst genommen. Dabei gab es so viele wundervolle Besucher. Übersinnlichkeit wurde verfolgt und tabuisiert. Sie war ein widerwärtiger Makel, den man ausmerzen wollte. Gerade auch die grossen Religionen und die Politik, sie sahen in der Übersinnlichkeit und der Spiritualität eine enorme Bedrohung für die Macht und die Kontrolle. Dabei ist sie ein bedeutsamer Teil des Menschen. Sie ist eine Quelle der Inspiration und Kreativität. Ohne sie vergibt sich der Mensch die Chance, Grenzen zu anderen und besseren Welten zu überwinden. Spirituell und sinnlich übelst verkommen, so seid ihr Menschen Terras eine zu leichte Beute für all jene Kreaturen, die genau auf diese Begabung setzen und euch nichts Gutes wollen. So stehen sie Haut an Haut neben euch, halten euch ein scharfes Messer an eure Kehlen, doch ihr bemerkt noch nicht einmal ihre Gegenwart. Doch es gibt auch jene, die euch im Schlaf besuchen. Wenn das Unterbewusstsein regiert, dann sind sie da. Sie verbinden sich mit euch. Ihre Zuneigung und Liebe buhlt um Anerkenntnis. Deren Atem und euer Atem, sie vereinen sich zu einem flüchtigen Kuss. Doch kaum seid ihr wieder erwacht, ertränkt ihr die süsse Erinnerung an sie mit schwarzen Kaffee. So viele Wege führen die Welten zusammen. Doch die Menschen Terras kauern in der Ecke ihrer Welt und bedauern ihr Leben in vier kahlen Wänden. Es wird schwer sein in dieser Gesellschaft von überzeugten Blinden, eine Invasion der Sehenden aufzuhalten. Da gebe ich dir recht, lieber Marani.«

Der »liebe Marani« schien sich über das Gesagte ein wenig zu ärgern.

»Religion und der Glaube sind nicht schlecht. Die Religion hat uns in den dunklen Stunden unseres Lebens immer Kraft, Mut und Hoffnung gegeben. Auch diese miese Invasion kann man als eine Prüfung Gottes sehen, die wir sicher bestehen werden.«

»Es geht nicht um die Religion und den Glauben. Es geht darum, dass andere Menschen ihren Mitmenschen vorschreiben wollen, an was sie und wie sie es zu glauben haben. Sie diktieren anderen, was gut und was böse zu sein hat und bestrafen Menschen dafür, wenn sie sich nicht an diese Vorgaben halten. Die Menschen werden dadurch mit der Zeit träge und müde. Sie empfinden Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit als störend und lästig. Bei der Taufe der Christen wird das Dritte Auge auf der Stirn des Kindes symbolisch mit dem Daumen des Geistlichen geschlossen. Dabei sind diese Eigenschaften des Menschen wichtig zur Realisierung unglaublich vieler Überlebensstrategien. Sie sind das Fundament, um mit ihrer Umwelt in Kontakt treten zu können. Es gibt nicht nur das Greifbare um uns herum. Nur weil der Mensch es nicht versteht, die Zeit des Begreifens für ihn noch nicht angebrochen ist, muss das Unbegreifliche doch nicht tabuisiert und zerstört werden. Es gibt nahezu endlos viele Welten in uns, neben uns und um uns herum. Sie zu verleugnen und allmählich vergessen zu wollen bedeutet, sich selbst zu vergessen.«, wurde Marsha allmählich lauter.

Marani warf ein Hühnerbein auf den Tisch und schnaubte wütend. »Weisst du, Marsha, solche Leute wie du, sie sind einfach nervtötend. Alles meinen sie zu wissen und ertränken wahllos in Moralin, was ihnen nicht gefällt. Ihr Weibsbilder wisst doch selbst nichts. Beide seid ihr doch auch nur Gefangene auf diesem Planeten. Ein paar Kräuter sammeln, mit Weihrauch überall herum stinken und dann meinen, die Welt zu kennen. Das kotzt mich an! Wir sprechen hier immerhin von einer echten Bedrohung. Während wir hier sprechen, sterben dort draußen echte Menschen durch echte Waffen.«

Marsha war nun ebenfalls wütend.
Sie wollte es dem vorlauten Marani zeigen.
Doch würde sie die Kraft des Xyralums einsetzen, wären in diesem Raum in kürzester Zeit Unmengen an Umbrae Mortis. Das wäre ein gefundenes Fressen für diese gierigen Schatten. Sie würden gleich zwei Xyrale ohne Hund vorfinden. So musste sie sich eben wohl oder übel die Beschimpfungen von Marani gefallen lassen.
Memba sah sie besorgt an. Offenbar ahnte sie die Überlegungen von Marsha.

»Du bist ein Narr, Marani.«, meinte sie trocken.

Marani wandte sich ihr zu und kam ganz nahe an ihr Gesicht: »Wieso bin ich ein Narr? Nur weil ihr beiden Frauen nicht die Wahrheit vertragen könnt? Ich habe echte übersinnliche Kräfte. Ich weiss, wovon ich spreche, Mädchen. Ihr beiden, ihr habt ja überhaupt keine Ahnung.«

Marsha hielt seinem Blick stand.
Das war für sie eine leichte Übung.
Ihre Lippen formten ein kühles Lächeln.

»Ja, Marani, ich bin doch sehr beeindruckt.«, hauchte sie ihm ins Gesicht, so dass er blinzeln musste. »Dann zeige mir doch einfach, was du kannst. Schaue mir in meinen dummen, kleinen Mädchenkopf, du großer, starker Mann.«, flüsterte sie.

Marani war verwirrt.
Woher wusste sie von seiner Gabe?
Niemand hatte sie erwähnt. Das war bestimmt nur ein Zufall.
Doch er wollte Marsha einen Denkzettel verpassen.
So konzentrierte er sich auf das böse grinsende Frauengesicht und legte ihr seine Hand sanft auf die Stirn.

Memba und die inzwischen ziemlich blass gewordene Tina sahen ihm dabei gespannt zu. Plötzlich riss Marani seine Augen auf.
Memba war natürlich sofort klar, dass Marsha ihm einen gewissen Zutritt zu ihrem Bewusstsein gestattet hatte.

»Oh, nein. Oh, mein Gott…«, stammelte er vor sich hin.

Plötzlich begann er damit, sich rückwärts von Marsha weg zu bewegen.
Er wendete sich ab von ihr.
Offenbar hatte er genug in Marsha gesehen.

Tina war verwirrt. Sie beobachtete, wie Marani einige Tränen durch das Gesicht liefen.

»Was ist los, Marani?«, sprach sie ihn an: »Erzähl schon, was hast du gesehen?«

Marani hob langsam seinen Kopf. »Tina, die beiden wissen… Sie wissen tatsächlich, wovon sie sprechen. Sie sind nicht von hier. Sie…sie sind anders…ganz anders, verstehst du? «, stammelte er vor sich hin.

Tinas fragender Blick wechselte von einer Person im Raum, zur nächsten. »Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Was ist hier eigentlich los?«, fragte sie weiter. Man konnte deutlich die Angst in ihrer Stimme hören.

Die letzten Stunden waren viel für sie. Zuerst war da die Geschichte mit Gabriel, dann der viele Terror, nun diese beiden seltsamen Frauen.

»Tina, unsere beiden Damen hier, sie haben etwas mit den Angreifern zu tun. Marsha hat mir Dinge gezeigt, die so unfassbar sind, dass ich sie kaum begreifen kann. Wir sind alle so unglaublich dumm. Die Menschen, du und ich, wir alle, wir haben uns geirrt. Wir sind dumm. In allem haben wir uns geirrt.«, antwortete Marani ihr aufgeregt.

»Was? Worin haben wir uns geirrt? Memba und Marsha sind auch P33?«, hinterfragte Tina erschrocken und sah alle im Raum ziemlich verwirrt an.

»Nein, wir sind nicht eure Feinde. Im Gegenteil, wir sind hier, um euch zu helfen.«, sagte Memba und lächelte Tina an, um sie wieder zu beruhigen.

»Ja, aber wer oder was seid ihr?« Tina begann allmählich, sich auf zu regen.

»Wir sind Xyrale. Es gibt viele parallele Welten mit vielen Gesellschaften. Unsere Aufgabe ist es, für Ordnung zwischen den Welten zu sorgen. Wir sind so eine Art Polizei, verstehst du?«, erklärte Memba.

»Das mag sein. Doch euch geht es nur um das Xyralum. Ich habe es in Marshas Kopf gesehen. Dieses Zeug ist allen so sehr wichtig. Was ist es? Wozu dient es? Warum ist es für P33 so wichtig?«, mischte sich Marani aufgebracht ein.

»Setzen wir uns erst einmal wieder an den Tisch, bevor unser Essen ganz kalt geworden ist.«, meinte Marsha und nahm sich noch etwas von dem Hähnchen.
Sie wollte die ganze Situation beruhigen.

»Ich habe ohnehin keinen Hunger mehr.«, gab Marani zurück, setzte sich aber dann auch wieder an den Tisch.

»Das Xyralum ist der Stoff, der alles zusammenhält und das Reisen zwischen den Welten ermöglicht. Doch nicht alle Gesellschaften wissen von ihm. Von dem Xyralum zu wissen und seine Existenz zu begreifen, das setzt eine gewisse Bereitschaft für dieses Wissen voraus. Ihr Menschen hier in Terra habt diese Bereitschaft noch nicht. Die Welten um uns herum, sie nennt man Erdäen. Wir befinden uns im Erdäum Terra. Nur wenig Menschen in Terra können mit dem Wissen um das Xyralum umgehen.«, gab Marsha eine recht drastische Kurzeinweisung.

»Wir hier auf Terra sind also noch zu unterentwickelt? Das ist wirklich ganz klasse.«, warf Tina zynisch ein.

»So darf man das nicht sehen. Übrigens heisst es immer in Terra. Diese Welten sind keine anderen Planeten, sondern parallele Welten. Davon gibt es unzählige und alle unterscheiden sich. Manche sind fast eine exakte Kopie von Terra, andere sind jedoch völlig anders, basieren aber dennoch auf der gleichen Basis. Alles hängt von einander ab und ist miteinander verbunden. Das Xyralum trennt und verbindet gleichermassen. Man kann es nicht schmecken oder riechen. Es ist überall, doch in unterschiedlicher Konzentration vorhanden. An Orten mit hoher Konzentration sind sich die Welten nahe. Sensible Menschen können sie dort erfühlen. Sie sind alle da, die Erdäen, alle auf einmal, und sie zu erfahren, das ist alles nur eine Frage des Bewusstseins. Ihre Existenz zu begreifen bedeutet vor allem, diese Erfahrung zuzulassen. Viele Menschen Terras lassen es nicht zu. Sie sind einfach noch nicht bereit für diese Erfahrungen. Doch andere Gesellschaften anderer Erdäen, sie leben mit dieser Erfahrung. Eine dieser Gesellschaften ist P33. P33 will euch das Xyralum Terras rauben.«, erkläre Marsha weiter.

Tinas Gesicht hellte sich etwas auf. »Jetzt fange ich an, es zu verstehen. Diese P33 wollen uns unsere Zukunft rauben.«, meinte sie.

»Fast so könnte man es sehen. Ohne genügend Xyralum wird den Menschen Terras die Möglichkeit genommen, sich normal weiter zu entwickeln. Selbst einfachste Probleme des Erdäums können nicht mehr gelöst werden. Ohne das verbindende Xyralum haben die Menschen nicht mehr die Möglichkeit, das Wissen anderer Gesellschaften anderer Erdäen zu erahnen und zu erfühlen. Doch diese Sammlung von Erfahrungen und Wissen eines universellen Bewusstseins, sie ist die Basis für die Entwicklung. Ihr habt sicher schon selbst bemerkt, dass viele Probleme in Umwelt und Gesellschaft nicht mehr gelöst werden. Es fehlt euch schlicht der Schlüssel zu den privilegierten Informationen. Fremde rauben euch das Xyralum. Ihr selbst raubt euch die Fähigkeit, diese Informationen überhaupt empfangen zu können.«, erläuterte Memba.

Marani nickte zustimmend und meinte: »Ich habe es immer gewusst, dass es eine Art Weltbewusstsein gibt. Doch wenn Sensibilität und die Akzeptanz des Übersinnlichen bekämpft und belächelt werden, dann wird mir schon klar, warum wir so leicht angreifbar sind. Da fliegen wir zum Mars und zum Mond. Wir geben Milliarden von Dollars für die Raumfahrt aus, obwohl sich andere Welten gleich hier vor Ort und praktisch in unseren Köpfen befinden. Wir hätten uns nur auf unsere menschliche Natur verlassen müssen, dann wären wir heute weiter und würden sicher nicht eine so ganz und gar erbärmliche Rolle spielen. Reisen ohne Zeitverlust. Das alles wäre uns Menschen möglich.«

Marsha lächelte ihn an. »Na, nun gehe nicht so hart mit euch Menschen hier in Terra ins Gericht. Jedes Erdäum hat seine Berechtigung. Manche sind stark und weit entwickelt, andere sind jung und noch ganz unbedarft. Das Problem liegt im Gleichgewicht von allem. Wird das Gleichgewicht zwischen den Erdäen gestört, dann können Gesellschaften verdorren und eingehen, während andere zu stark werden. In jedem Erdäum gibt es genau dafür Xyrale, um das Gleichgewicht zu überwachen und zu schützen. Deshalb sind Memba und ich hier bei euch. Ihr beide seid Menschen mit der ursprünglichen Veranlagung die anderen Erdäen zu erahnen zu können und privilegiertes Wissen für eure Gesellschaften zu ergründen. Das weiß P33. Daher versuchen sie euch zu töten. Sie versuchen alle Menschen mit dieser Veranlagung zu töten, um euch von den anderen Erdäen und der Fähigkeit das Xyralum zu erfühlen ganz abzuschneiden. Wir müssen das verhindern und die Menschen möglichst rasch gegen diese Bedrohung mobilisieren.«, stellte Marsha fest.

»Ja, das ist eine gute Idee. Aber die Menschen werden euch nicht glauben. Sie sind auf ihre Religionen und ihre alten Weltbilder fixiert.«, gab Tina kritisch zurück.

»Ja, aber nicht alle Menschen sind so. Wir müssen die Menschen mit der ursprünglichen Veranlagung erreichen. Solange die Schatten noch nicht alles Xyralum in Terra geerntet haben, können diese besonderen Menschen ihre Gesellschaften mit privilegierten Informationen versorgen. Damit haben wir eine winzige Chance, P33 aufzuhalten. Bei P33 handelt es sich um die Kultur der Ambalosis aus dem Erdäum Kavinisch. Sie ist hoch entwickelt und sie ist es, die den Menschen das Xyralum raubt und den ganzen Ärger hier verursacht.«, erzählte Marsha.

Tinas Aufmerksamkeit war geweckt. »Schatten?! Was für Schatten?«

»Eigentlich werden sie von den Xyralen Umbrae Mortis genannt. Sie kann man als die Schatten des Todes verstehen. Es sind niedere Lebensformen, die sich von dem Xyralum ernähren. Die Umbrae Mortis sind richtig gierig nach Xyralum. Sie werden von den Ambalosis dazu benutzt, das Xyralum in Terra regelrecht ab zu ernten. Sie treten stets in Form von Schatten auf. Sie sind die Lichtlosen und Wesen der Finsternis. In der Dunkelheit sind sie fast nicht zu erkennen. Nur wenn sie sich vor einer Lichtquelle befinden, so erkennt man sie, weil kein Lichtstrahl durch sie hindurch dringen kann. Man trifft sie überall dort an, wo sich ungewöhnlich hohe Konzentrationen von Xyralum befinden. Diese Schattenwesen gibt es in nahezu allen Erdäen. Doch P33 bringt sie in hoher Anzahl in das Erdäum ein, so dass sie zu einer echten Bedrohung werden. Blind vor Gier nach Xyralum können sie auch über Menschen herfallen. Doch sie lieben es, uns Xyrale auszusaugen und damit zu töten. Ihre natürlichen Feinde sind Hunde. Die Menschen in Terra kennen die Umbrae Mortis ebenfalls. Oftmals meinen die Menschen hier, es mit dem Satan, finsteren Mächten oder sogar mit einem Dämon zu tun zu haben, wenn sie den Schatten begegnen. Jedes Erdäum hält seine eigenen Namen für diese widerwärtigen Kreaturen bereit, und es sind niemals nette Kosenamen.«, übernahm Memba das Gespräch.

Tina war entsetzt. »Unfassbar! Schattenhafte Ungeheuer, und tatsächlich sind unsere niedlichen Hunde ihre natürlichen Feinde?«

»Ja, so ist es. Daher haben wir Xyrale zumeist und gerne Hunde um uns. Morgen ist mein kleiner Schatz auch wieder bei mir. Der liebe Püppi, er vermisst mich sicher schon sehr.«, meinte Marsha daraufhin und es war unschwer zu erkennen, wie sie sich freute.

»Wir sollten uns ein wenig Schlafen legen. Morgen werden wir entscheiden, was zu tun ist. Aber heute ist mir das alles ein wenig zu viel gewesen. Meine Schulter schmerzt noch sehr. Lasst uns morgen weiter überlegen, ihr Hübschen.«, meinte Marani zu den Frauen und fasste sich mit Schmerz verzerrtem Gesicht prüfend an seine Verletzung.

»Das ist wohl vernünftig. So soll es sein.«, ergänzte Marsha und stand auf.

Die kleine Gruppe war ziemlich erschöpft.
Beide Xyrale waren ohne Hund.
Sie musste ein wenig Zeit gewinnen und einen guten, operationalen Plan entwickeln.
So teilten sie sich in ihre Zimmer auf und versuchten, sich möglichst schnell zur Ruhe zu legen.

Marani kam im Zimmer von Memba unter.
Memba hatte mit Tina getauscht.
Ihm war nicht sehr wohl dabei.
Doch er war einfach viel zu müde, um an Membas erregende Rundungen zu denken.

Autor: © Alexander Rossa 2024

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