E-Book Roman Das Xyralum

Der Sonnenaufgang (Kapitel 16)

Es war weit nach Mitternacht, als Bina meinte, dass die Umbrae Mortis wohl wieder wieder fort wären. Die Schatten waren nicht in das Haus gelangt. Sie hatten offenbar Glück gehabt.

Auch schwebte das Licht der Hoffnung völlig ruhig in der Luft und war mehr nur noch zu erahnen, als dass man es sehen konnte.

Naham stand am Feuer und dachte nach.

Der unwissende Jan war ziemlich aktiv.

Bina jedoch, sie war einfach nur müde. Doch sie wollte sich nicht zum Schlafen legen, da sie dem unwissenden Jan und Naham einfach nicht trauen konnte. Schon einmal hatte der unwissende Jan versucht, sie zu vergewaltigen. Ausserdem war er ein sehr widerwärtiger Zeitgenosse, der nichts mit ihrem Jan gemeinsam hatte.

»Ich verstehe nicht viel von dem, was ich hier erlebt habe. Immer wieder war ich nicht Herr meiner selbst, spürte die Todesangst und habe alles verloren, was mir etwas bedeutete. Ich hatte lange keine Frau mehr intim berührt, verehrte Bina. Zu lange war ich auf Reisen, so dass ich mich einfach vergessen hatte. Es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Auch meinen eigenen Leuten möchte ich mit dieser Schuld nicht mehr unter die Augen treten. Mein Leben ist keinen Kupferling mehr wert.«, versuchte der unwissende Jan ein Gespräch mit Bina zu eröffnen.

Doch sie reagierte nicht auf ihn.

»Halte doch einfach deine Klappe.«, fuhr in Naham an.

»Lasst mich doch gehen, Hagzissa. Ich werde nichts von deiner Zauberkraft und den Dämonen berichten, die ich hier angetroffen habe. Ich verspreche es…«, flehte der unwissende Jan Bina an.

»Du gehst uns auf die Nerven.«, mischte sich Naham erneut ein. »Du wirst nirgendwo hin gehen. Bleiben wirst du und damit endlich einmal etwas Sinnvolles tun.«, zischte Bina ihn plötzlich an.

Sie war nervös. Im Dorf würde man wahrscheinlich die drei Burschen schon vermissen. Sicher würde es nicht lange dauern, bis sie eine Suche nach ihnen organisieren würden. Hoffentlich war ihr geliebter Jan, so wie er versprochen hatte, am Morgen zurück. Bina wollte nicht im Kerker und anschliessend womöglich noch auf dem Scheiterhaufen enden.

»Naham, was grübelst du? Es ist die richtige Entscheidung, bei uns zu bleiben und uns zu helfen.«, meinte Bina dann.

»Das ist es nicht. Aber ich kann nicht mehr zurück. Zu viel ist geschehen, als das ich noch zurück in mein altes Leben könnte. Ich denke nur an meine beiden Freunde und diesen Krieg mit seinen seltsamen Gestalten und Dämonen. Niemals hatte ich auch nur erahnen können, wie zerbrechlich unser friedliches Leben hier doch ist.«

Bina wischte ihm sanft über die Brust.

»Doch wir stehen auf der richtigen Seite. Wir können es nicht zulassen, dass man unsere friedliche Welt ausbeutet. Ich werde es nicht dulden, dass diese Kreaturen bei uns Morden und Quälen können, wie es ihnen beliebt. So vertraue ich dem anderen, dem besseren Jan und seinen Worten.«

»Nein, Bina, du liebst ihn, und er liebt dich. Das ist etwas völlig anderes. Ich konnte es deutlich in seinen Augen sehen. Ein Dämon, der zur aufrichtigen und echten Liebe fähig ist, ihm kann ich mehr trauen als einer Bestie, die an den toten Körpern meiner Freunde nagt.«

Als Naham das gesagt hatte, lächelte Bina ihn etwas an.

»Ja, dieser andere Jan, er ist schon ein seltsamer und ein faszinierender Mann.«

»Das ist er in der Tat. Doch warum hat er für sich nur den Körper dieses einfältigen Tölpels gewählt.«, meinte Naham und deutete auf den unwissenden Jan.

»Offenbar gibt es Dinge, die auch Dämonen sich nicht aussuchen können.«, erwiderte Bina und begann damit, etwas frisches Brot aufzuschneiden.

Die restliche Nacht verlief ruhig.
Der unwissende Jan schlief.
Bina und Naham unterhielten sich so offen und zwanglos, wie beide es noch nie zuvor getan hatten, obwohl sie sich bereits seit Jahren kannten. Naham verstand langsam immer mehr von der ganzen Angelegenheit mit der Hagzissa, dieser Zauberei und den Dämonen, die eigentlich keine Dämonen waren. Er hatte Bina gerne und allmählich schien er ihr mehr und mehr zu vertrauen.

Als der Morgen herein brach, erwachte der unwissende Jan aus seinem Schlaf.
Zur grossen Freude von Bina war er, als ihr geliebter Jan erwacht, der kurz zuvor aus Terra, zu ihr zurück gekehrt war. Er hatte also sein Versprechen gehalten.

Als sie ihn los gebunden hatte, umarmten sie beide sich innig und küssten einander.

»Du Schuft wirst mich nie wieder alleine lassen. Versprich es. Los, versprich es!«, meinte Bina ausgelassen. Ihr liefen kleine Tränen der Freude in den Augen zusammen.

Naham war verlegen und schien tatsächlich ein wenig Röte in seinem Gesicht zu bilden, gab dann plötzlich vor, nur rasch ein wenig Wasser holen zu wollen.

»Was ist, wenn er nicht wieder kommt?«, fragte Jan seine glückliche Bina besorgt.

»Er wird wieder kommen. Inzwischen versteht er viel mehr von allem, als er es gestern tat.«

»Wir werden bald Besuch bekommen. Zwei werden es sein und ein grosser Hund. Sie sind Xyrale. Mit ihnen werden wir beginnen.«

Bina sah ihn interessiert an.

»Womit werden wir beginnen?«

»Wir werden hier in Lapilla so eine Art Stützpunkt und Zentrum errichten. Es werden noch mehr Xyrale kommen. Sie werden uns helfen, die Föderation zu bekämpfen. Wir werden Hunde züchten und begabte Menschen finden, um diese Menschen auszubilden.«

Jan sah sie auffordernd und gut gelaunt an.

Bina nahm etwas Abstand zu ihm.

Die Tür ging auf. Naham kam herein.

»Wen werden wir ausbilden? Was werden wir ausbilden?«

»Wir werden die alten Künste und das alte Wissen lehren, um begabten Menschen die Fähigkeit zu verleihen, sich gegen ihre Feinde zu wehren. Es ist mehr das Unterstützen, sich wieder an altes Wissen zu erinnern.«

»Du willst hier wirklich Hagzissas ausbilden?!«, entwich es Nahams Lippen.

In seinen Augen erkannte man deutlich Furcht.

»Wenn du es so formulierst, dann ja. Wir werden hier den alten Weg und vieles mehr lehren. Nur mit der Begabung und dem richtigen Wissen zu ihm, finden diese Menschen zu ihrer ureigensten Bestimmung. Wir brauchen Hagzissas, um die Menschen dieser Welt gegen diese Feinde zu schützen. Du hast den Feind bereits kennen gelernt. Sie waren nur eine Vorhut, eine vage Ahnung von dem, was deiner Welt tatsächlich droht. Deine Generation und alle nachfolgenden, sie werden ein Leben der niemals endenden Angst leben müssen, wenn wir nicht sofort damit beginnen, uns gegen diese Kreaturen zu wehren.«

Naham nickt nur ein wenig. Ihm war überhaupt nicht wohl, bei dieser ganzen Angelegenheit. Auch verstand er noch immer nicht alles. Bald würden Menschen kommen und nach ihm suchen. Sie werden Fragen stellen. Sein Vater wird Fragen stellen. Dann werden sie die Leute entdecken, die Hagzissas und womöglich auch die Dämonen. Naham wusste gut, dass ihnen schwere Zeiten bevor standen. Er fühlte sich einfach zu jung, um auf dem Scheiterhaufen zu enden. Auch er hatte Pläne für sein Leben. Doch diese lösten sich gerade in Luft auf.

Den ganzen Tag über ruhten sie sich aus und schliefen.
Endlich einmal verlief ein Tag ohne Zwischenfälle.
Bina nutzte die Zeit dazu, ein wenig aufzuräumen und sich auf die Ankunft der Gäste vorzubereiten.

Doch von den beiden Xyralen und dem Hund war nichts zu sehen.

Jan hatte ihr erklärt, dass es nur selten vorkam, dass man bei einer gemeinsamen Reise durch die Erdäen auch gemeinsam in örtlicher Nähe erwachte. So mussten sich Xyrale erst wieder gegenseitig in dem neuen Erdäum finden. In Erdäen ohne technische Hilfen, da war das fast immer recht aufwendig und langwierig.

Am Abend sassen sie schliesslich zusammen.

Jan erzählte Bina und Naham von den Ereignissen in Terra. Auch weihte er beide ein wenig mehr in die Geschichte des Xyralums und die Erdäen ein und erzählte ihnen, wie alles zusammen hing. Naham und Bina fragen fiel und zeigten grosses Interesse, auch wenn einiges nur schwer zu glauben war. Es war ein völlig neues Weltbild, auf das sie trafen und das zudem real sein sollte und es wohl auch war, wie ihre Erfahrungen gezeigt hatten.

Alles im Sein, es war eine Sache des Bewusstseins. Eine unendlich erscheinende Anzahl an Erdäen war durch das Xyralum von einander getrennt, aber auch mit einander verbunden. Die Durchlässigkeit in Bezug auf Inhalte dieser parallelen Welten, sie wurde durch das Xyralum ermöglicht und bestimmt. Veranlagung, Kreativität und Fantasiefähigkeit waren eine grundlegende Voraussetzung für die Nutzung des Xyralums und eine gewisse Durchlässigkeit. Daher waren es derart begabte Menschen, Künstler, Kreative und offene Denker, denen es immer wieder bewusst, oder auch unbewusst gelang, aus diesen parallelen Welten Inhalte zu erfahren, um diese Erfahrungen in ihrer eigenen Welt einzusetzen. Kein Wunder war es also, dass die anderen Menschen sie oft nicht verstanden und sich vor ihnen ängstigten. Ihre Entdeckungen waren einfach nicht von dieser Welt.

Das Xyralum und die Begabung, sie ermöglichten damit nicht selten eine gewisse Hellsichtigkeit, die gelebte Relativität von allem und ein Leben in Grenzenlosigkeit. So ein gelebtes Weltbild bewertet Emotionen anders und relativiert die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. In wie weit man so ein Weltbild verinnerlichen und tatsächlich leben kann, das steht in Abhängigkeit von der Begabung und dem eigenen Willen zur Öffnung. Ein scheinbares Gleichgewicht, also das Waagumal, es sorgt für ein friedliches Miteinander zwischen den Erdäen. Dieses Waagumal könnte man daher vielleicht mit dem inneren Frieden und dem hoch aufgestiegenen Geist eines Menschen vergleichen.

Wie dem auch sei, die beiden Menschen Lapillas verstanden allmählich, dass es nicht Dämonen und Zauberei waren, um die sich alles drehte, sondern um die Realität und den Umgang mit ihr. Traf man auf die Realität, auf die echte Wahrheit, so war sie machtvoller und reiner, als jede Religion es zu sein vermochte. Echte Wahrheit bedarf keiner Erklärung, sondern muss erlebt und gelebt werden, um sie erfassen zu können. Man kann sich nicht mehr hinter menschlichen Interpretationen verstecken. Es gibt für echte Wahrheit keine Interpretation. Sie steht immer und jederzeit für sich selbst, ist extrem gnadenlos und nur durch sich selbst veränderbar.

Als es schon sehr spät in Binas Haus geworden war, klopfte es an die Tür.
Vorsichtig und mit der Armbrust bewaffnet, öffnete Bina die Tür.

Ein junge Frau stand vor der Tür. Sie war blond und wunderschön. Sie trug eine Hängetasche aus Stoff und hinter ihr stand ein alter Pferdewagen mit völlig verschlammten Rädern.

»Guten Abend, Bäuerin. Mein Name ist Narash. Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der sich Jan nennt. Kennt ihr ihn, oder wisst ihr vielleicht, wo ich ihn finden kann?«, fragte die Frau.

Bina hob drohend ihre Armbrust und hielt sie Narash direkt vor die Nase.
Die junge Frau war wirklich eine Schönheit. Aber ihre Augen, sie waren die, einer Raubkatze. Sie war gefährlich. Bina spürte das instinktiv.

»Vielleicht kenne ich diesen Mann. Doch vielleicht kenne ich ihn auch nicht. Was wollt ihr von ihm? Vielleicht sollte ich euch einfach erschiessen. Was meint ihr? Immerhin ist es schon spät im Moor.«

»Wir haben uns auf einer gemeinsamen Reise verloren. Ich muss ihn finden. Er meinte zu mir, ich würde ihn hier antreffen. Er kennt mich unter meinem alten Namen Memba. Wir wollten uns hier ansiedeln und eine neue Familie gründen.«


Jan zuckte zusammen.
Offenbar war es Memba, die sie bereits gefunden hatte.
Er stellte sich in die Tür.
Narashs Gesicht hellte sich auf.
Jan erkannte sie sofort.
Es war Memba, die zuerst den Weg zu ihnen gefunden hatte.

»Naham, kümmere dich um ihren Wagen und ihr Pferd. Wir haben eine Freundin zu Besuch.«, rief er in das Haus und bat Narash herein.

Als Naham sie sah, bekam er grosse Augen. Das war der hübscheste Dämon, von dem er jemals gehört oder den er jemals gesehen hatte. Nun, gut, er hatte bisher nicht gerade viele Dämonen gesehen. Aber dennoch war sie atemberaubend. Sofort machte er sich auf den Weg, ihr altes Pferd zu versorgen.

Jan stellte die beiden Frauen untereinander vor.
Dann setzten sie sich an den Tisch.
Es gab viel zu erzählen.

Das heisse Gebräu, das Bina der Frau mit dem Namen Narash vorsetzte, schmeckte nicht nur gut, sondern baute sie auch gut auf und kräftigte ihren Körper.

»Mhm, das ist aber ein leckerer Tee, den du hier gebraut hast, Bina. Der hat es in sich. Offenbar bist du eine bessere Hagzissa, als Jan es uns bereits erzählt hat.«, meinte sie zu Bina und sah sie dabei lächelnd an.

Bina war verunsichert. Eine Hagzissa war sie. Eigentlich war das bisher immer eine Beleidigung gewesen, ein Angriff auf sie, bei dem sie stets Scham empfand. Doch so, wie es Narash nun zu ihr gesagt hatte, empfand sie es nicht mehr, als schlimm. Nein, sie war zum ersten Mal sogar stolz darauf, eine Hagzissa zu sein.
Sie lächelt nur zurück.

Als Naham wieder zurück kam, war er kaum mehr dazu in der Lage, Narash nicht immer nur anzusehen. Ihm war das peinlich. Aber diese Frau war ein Traum. Ihre schlanken Finger, die makellose Haut, die vollen Lippen und die grünen Augen, alles war mehr eine atemberaubende Komposition, als nur eine einfache Frau.

Jan bemerkte seine Blicke natürlich und schüttelte nur mit dem Kopf. Aber es war besser, der junge Naham verlor sein Herz an einen Xyral, als sein Leben an die Bewohner seines Dorfes. Die bereiteten Jan inzwischen schon einiges an Kopfzerbrechen. Er hatte als alter Xyral recht viel Erfahrung mit Menschen. Angst, Vorurteile und Aberglaube waren immer wieder eine gefährliche und tödliche Mischung.

Leider hatte Narash keine Neuigkeiten über den Verbleib von Marsha und Püppi. Doch es war noch zu früh, um sich Sorgen zu machen. Sie mussten einfach abwarten, auch wenn ihnen die Zeit nicht dazu blieb.

Narash hatte in der letzten Zeit viel Schlimmes erlebt und Schreckliches durch machen müssen. Ihre Familie schien vernichtet. Freunde waren brutal ermordet worden. Die ständige Bedrohung war auch zehrend. Doch Narash liess sich nichts anmerken. Es war gut, dass sie in Lapilla in einem jungen Körper lebte. Dadurch war sie hier ein körperlich starker Xyral. Die kindliche Fantasie, sie loderte noch in ihr. Das konnte sicher nur gut für ihre Sache sein, da sie dadurch eine feste Hand beim Gebrauch des Xyralums hatte.

Den Rest der Nacht ruhten sie.
Es war eng in dem Haus geworden. Sie würden ein zweites Haus bauen müssen.
Jan hielt Wache. Er konnte sowieso nicht schlafen.
Es war sinnvoll, ein wenig die Augen offen zu halten.
Man konnte nie wissen, wer so alles in den Wäldern und im Moor unterwegs war.

Am Morgen brachen Narash und Naham ins Dorf auf.

Naham wollte die Dorfbewohner von Binas Haus ablenken. So wollte er angeben, dass seine beiden Freunde ohne ihn aufgebrochen waren, um in die entfernte Stadt Sonnenfeld zu gelangen. Sie wollten Ausschau nach einer ebenso hübschen Frau halten, wie Narash es war. Naham dachte sich, dass die Dörfler ihm diese Geschichte abnehmen würden. Immerhin kannten sie die beiden jungen Kerle gut. Wenn es um schöne Frauen und billige Sauferei ging, dann schalteten sie ihr, ohnehin schon mässig vorhandenes Gehirn, gerne einmal auf Sparflamme.

Bina und Jan kümmerten sich um den Bau eines zweiten Hauses.
Wenn sie schon auf Marsha und Püppi warten mussten, dann sollte das ein nützlicher Zeitvertreib sein. Eigentlich hatten sie nicht die Zeit. Doch Jan wusste, dass er nur einen Gewinn erzielen konnte, wenn er gut durchdacht und Schritt, für Schritt, vorgehen würde.

Die Bewohner im Dorf waren erleichtert, als sie Naham erkannten.
Sie glaubten ihm seine Geschichte auch nur zu gerne und waren über die junge Frau überrascht, die Naham folgte. Das hatten sie ihm überhaupt nicht zugetraut.
So hatten sie etwas Zeit gewonnen.
Doch eine Hürde mussten sie noch nehmen.

Nahams Vater war gerade dabei, den Gastraum aufzuräumen, als er seinen Sohn in der Tür stehen sah.

»Lässt du dich auch einmal wieder bei mir blicken?«, rief er ihm mit tiefer Stimme zu und klang dabei durchaus ein wenig verärgert. »Ich hätte dich gestern hier gut brauchen können.«

»Hallo, Vater, ich hatte einen guten Grund, nicht hier zu sein.«, gab Naham zurück und zog Narash ein wenig zu sich, in den Türrahmen.
Als sein Vater die junge Frau sah, musste er sich verlegen räuspern.

»Fürwahr, du Tölpel, wenn das kein guter Grund ist, dann mögen mich die Waldschrate holen. Ja, willst du mich denn nicht vorstellen, du elender Mechtewicht (in Terra: Tölpel, Taugenichts)?«

Nahams Vater schob seinen dicken Bierbauch hinter einem schweren Holztisch hervor und schaukelte beiden entgegen. Er war ein grosser und schwerer Mann mit einem guten Riecher für Menschen. Das brachte sein Beruf eben so mit sich. Allerdings haftete an ihm auch immer der Geruch von abgestandenen Bier und kaltem Tabakrauch.

»Das ist Narash, Vater. Narash, das ist mein Vater.«, stellte Naham beide vor.

»Es ist mir eine Freude, Narash. Die Leute hier im Dorf und meine Freunde nennen mich Wolf. Kommt doch herein.«, meinte Nahams Vater und lachte dabei unsicher und übertrieben laut.

Sie setzten sich an einen der vielen Tische, während der Vater die Theke putzte.

»Wo hast du nur dieses Vögelchen gefunden, Naham? Sie ist nicht von hier, richtig?«

»Wir sind uns im Moor begegnet, Vater. Sie war mit ihrem Pferdewagen ganz alleine auf dem Weg in die Stadt, um dort zu handeln.«, log Naham.

Sein Vater hörte ihm aufmerksam zu und sah in dabei ziemlich scharf an.

»So, im Moor also. Das ist nicht gerade eine sichere Umgebung für eine junge Frau.«

»Nein, das ist es nicht. Wir sind bei Bina gewesen, als es Nacht wurde.«

»Bei dieser Hagzissa? Du meine Güte, mein lieber Sohn, wie kannst du nur bei dieser wunderlichen Frau einkehren. Mich wundert es, dass sie euch nicht gleich mit ihrer Armbrust erschossen hat…oder zumindest den Hintern versohlt. Zeig nur rasch, hat sie dir den Riemen in der Hose gelassen?«, rief Wolf aus.

Narash musste lachen.

»Junge Frau Narash, ihr müsst da nicht lachen. Diese alte Hagzissa ist verrückt. Niemand wohnt freiwillig alleine im Moor. Man sagt, dass sie oft die Moorgeister zum Essen einlädt.«

»Ach, lieber Wolf, das ist doch nicht wahr. Bina ist eine wirklich liebe und reizende Frau. Ich denke mir, dass ich sogar eine Weile bei ihr bleiben werde. Naham hat mir angeboten, dort ein kleines Haus zu bauen.«

»So, hat er das, dieser elende, faule Sack?!«, brummte Wolf und lachte plötzlich laut auf.
»Wenn dir dieser Kerl ein Haus bauen will, dann pass nur gut auf, liebe Narash, dass er die Dachbarren nicht versehentlich vergisst.«

Wolf lachte laut weiter und hielt sich dabei seinen dicken Bau.

Naham sah ihn verärgert an.

Narash schmunzelte und hielt Naham beruhigend den Arm.

»Dein Sohn wird das schon schaffen, Wolf. Davon bin ich überzeugt. Er ist ein guter Sohn. Ihr solltet wirklich stolz auf ihn sein.«

»Nun, junge Frau, wenn du das sagst und meinst…«

Wolf wischte sich seine tränenden Augen und arbeitete weiter an seiner Theke.

»Deine beiden Freunde, sie sind in der Stadt, wie?«, meinte er dann.

Naham und Narash sahen sich beide kurz an.

»Ja, dort wollten sie jedenfalls hin. Sie waren auf Narash eifersüchtig und gönnten es uns beiden nicht, dass wir uns auf Anhieb so gut verstanden.«

»Dann wollen wir hoffen, dass sie beide lebend dort angekommen sind. Das Moor kann tückisch sein.«, meinte Wolf und sah dabei seinem Sohn direkt ins Gesicht.

»Sie waren schon oft dort. Sie werden es schon schaffen.«

»Man hört Unheimliches von den Gästen. Dort sollen seltsame Kreaturen ihr Unwesen treiben. Nur eine Frau vom Schlag Bina hält es im Moor aus. Willst du es dir denn nicht noch einmal überlegen, Narash? Wir finden sicher auch hier im Dorf eine gute Bleibe für dich.«, bot Wolf an.

Doch Narash schüttelte nur mit dem Kopf.

»Das ist sehr freundlich von dir, Wolf. Doch ich bin in der Ruhe des Waldes aufgewachsen. Mein Vater hatte weite Ländereien, und Bina ist eine sehr gute Frau. Ich habe es ihr bereits versprochen, ihr Gesellschaft zu leisten. Zwei Frauen ist besser, als nur eine Frau.«

»Na, wenn du das meinst. Dann solltet ihr euch aber noch gehörig stärken, ehe ihr wieder aufbrecht.«, meinte Wolf nun wieder etwas besonnener.

»Manda!? Maaanda?!!! Wir brauchen zwei grosse Teller Eintopf hier hinten!«, liess Wolf seine Stimme plötzlich lautstark aus sich heraus donnern, so dass die zierliche Narash in sich zusammen zuckte. Sie sah Naham fragend an.


»Manda ist unsere Küchenfrau. Sie hilft uns hier mit der Gastwirtschaft, seit Mutter tot ist. Ohne sie würde hier wohl nichts richtig laufen.«, erklärte Naham und warf seinem Vater einen verächtlichen Blick zu.

Dieser sah sie zunächst verdutzt an, lachte dann aber erneut so sehr laut, dass er sich wieder seinen Bauch halten musste.

Narash war von diesem Mannsbild fasziniert. Genau so hatte sie sich immer einen alten Gastwirt vorgestellt. So grob und laut wie er auch war, so herzlich und warmherzig war er auch. Naham konnte stolz auf seinen Vater sein.

Doch jetzt und zusammen mit ihr, da war Naham sein Vater eigentlich nur peinlich. Er wollte mit ihr angeben und stellte nun fest, dass sein Vater eben ein wirklich echter Gastwirt war. Er resignierte offenbar, da er nur noch still am Tisch sass und auf seinen Eintopf wartete.

Als nach einer Weile Manda mit den zwei riesigen Holzschalen in die Gaststube kam, freute sie sich, das Naham wieder zurück war.

Manda war eine recht ausladende Bauersfrau mit riesigem Hintern, riesigen Brüsten und mehr Barthaaren im Gesicht, als sie Naham in seinem Gesicht ausmachen konnte.

Manda beachtete Narash kaum und warf sie fast vom Stuhl, als sie die Schalen auf den Tisch stellte. Dann drehte sie sich ganz plötzlich und unerwartet zu Narash um und gab ihr einen warmen und extrem feuchten Kuss mitten ins Gesicht.

»Dich hätte ich ja fast übersehen, Kindchen. Wer bist du denn?«, fragte sie Narash und sah sich die junge Frau ganz aus der Nähe an.

»Manda kann nicht mehr gut sehen, Narash. Aber sie kocht, wie ein Göttin und kann richtig zu langen, wenn einem betrunkenen Gast ihr Essen nicht schmecken mag.«

Wolf musste wieder laut lachen, als Manda an ihm vorbei schaukelte.
Er gab ihr einen lauten Klaps auf das Hinterteil, das man auch nach etlichen Bieren zielsicher finden konnte und drehte sich sogleich weg von ihr.
Er kannte seine Manda eben gut.
Diese quietschte laut auf und dreht sich zu ihm, um ihm eine kräftige Ohrfeige zu geben. Doch er war natürlich schneller und konnte sich vor Lachen kaum mehr auf den Beinen halten.

»Ist immer so eine ausgelassene Stimmung bei euch?«, warf Narash kritisch ein und versuchte sich ihr Gesicht ein wenig abzutrocknen.

Dann kümmerte sie sich um ihren Eintopf und das riesige Stück Brot, das neben der Suppe auf dem Tisch lag. Beides sah nicht sehr einladend und sogar fast zum Ekeln aus. Doch nach ein paar vorsichtigen Versuchen stellte Narash überrascht fest, dass Naham wirklich nicht übertrieben hatte. Der Eintopf war vorzüglich und das Brot sogar noch ein wenig warm vom Ofen.

Beide assen hastig. Ihnen tat das zünftige Essen gut. Die viele frische Luft hatte sie hungrig gemacht, was sie jedoch erst beim Essen bemerkten.

»Wir wollen auch bald wieder aufbrechen. Noch vor dem Einbruch der Dunkelheit wollen wir wieder bei Bina sein. Man muss das Moor und seine Gefahren nicht mehr heraus fordern, als es unbedingt notwendig ist.«, meinte Naham nach dem Essen und sah zu seinem Vater, der inzwischen damit beschäftigt war, ein volles Bierfass anzuschliessen.

»Dich zieht es schon wieder in das Moor? Du weisst, dass ich nicht viel davon halte, Naham. Ich kann dich hier in der Schenke gut gebrauchen. Es ist nicht gut, dass ihr beiden jungen Leute euch so viel bei den wirren Menschen herumtreibt.«

Narash war aufgebracht.

»Bina ist doch nicht wirr im Kopf. Ein Wolf könnte viel von ihr lernen.«, protestierte sie.

»Ist das so, junge Dame? Es ist wohl auch so ungemein vernünftig, als Frau ganz alleine in der Wildnis zu leben. Ja, ich verstehe, was ihr meint…«, wurde Wolf sarkastisch.

»Vater, darum geht es doch überhaupt nicht. Ich bin froh, andere Menschen kennen zu lernen. Nichts gegen die Leute hier im Dorf. Aber ich bin jung. Es zieht mich zu den unbekannten und neuen Dinge auf der Welt. Ohne diesen Drang hätte ich nie eine solche Frau wie Narash kennen gelernt. Überlege doch, du warst doch auch einmal jung.«

Wolf sah seinen Sohn verärgert an.

»Ich bin noch jung! Nur das wir uns beide in dieser Sache richtig verstehen. Jung und knackig!«

Dann liess Wolf seine grobe Lache wieder lautstark durch das Haus erklingen.
So ganz unrecht hatte er nicht. Das wussten die Narash und Naham gut. Doch sie hatten keine Zeit, um ein friedliches Leben im Dorf zu leben. Sie hatten einen Auftrag. Jan wartete auf sie und benötigte ihre Hilfe.

»Wir brechen gleich auf, Vater. Du musst dich wirklich nicht um uns sorgen. Bald werde ich wieder hier sein, um dir zu helfen.«, setze Naham nun deutliche Akzente und stand vom Tisch auf.

»Du bist alt genug, mein Sohn. Aber wenn du tief im stinkenden Mist steckst, dann wirst du an mich denken. Dann werde ich nicht da sein, um deinen hässlichen Kopf zu retten. Ich hoffe, das ist dir klar.«, brummte ihn sein Vater an und furzte dabei laut, als wollte er damit das Gesagte signieren.

Damit war die Sache entschieden.

Sie brachen wenige Minuten später auf, um wieder zu Bina zurück zu kehren.
Ihre Mission in Dorf war erfüllt.
Sie konnten jetzt nur hoffen, dass die Dorfbewohner und vor allem Vater Wolf nicht so schnell Verdacht schöpfen würden. Ein Besuch bei Bina, er würde alles im Dorf verändern.
Da waren sich Narash und Naham sicher.

Als Narash und Naham beim Haus von Bina ankamen, war die Dämmerung bereits angebrochen. Man konnte an dem Bauplatz vor Binas Haus bereits ganz gut erkennen, dass dort ein Haus entstehen sollte.

Bina bereitete gerade das Abendessen zu.
Naham erkannte nur Jan und einen weiteren Mann an dem Bauplatz.
Gerade als er Jan zum Gruss etwas zurufen wollte, kam ein geradezu riesiger Hund mit lautem Gebell auf ihn zu gestürmt.

»Wa…Was…?!«, rief Naham erschrocken aus und stellte sich schützend vor Narash.

»Ganz ruhig, Naham. Das ist doch nur der gute, alte Püppi.«, meinte sie und begrüsste den Hund, der gerade vorbei an Naham preschte und die junge Frau dann fasst umwarf.

Sie sprach in der gemeinsamen Sprache der Xyrale und der Hunde mit ihm.
Naham sah sie erstaunt an und konnte es kaum fassen, dass Püppi sie offenbar tatsächlich verstand.

Jan und der andere Mann hatten sie inzwischen natürlich auch schon bemerkt und kamen mit einem strahlenden Lachen im Gesicht auf sie zu.

»Schön, dass ihr wieder da seid. Konnte ihr die Dorfbewohner beruhigen?«, meinte Jan zu Naham und umarmte ihn, während der andere Mann Püppi etwas zu rief.

Sofort liess Püppi von Narash ab und kam zu seinem Herrn.

»Ja, ich denke sie sind für ein paar Tage ohne Sorge.«, antwortete Naham.

»Darf ich dir Marsha vorstellen?«, meinte Narash daraufhin zu ihm und zeigte auf den fremden Mann, der kräftig gebaut und etwas jünger als Jan war.

»Was? Ich dachte Marsha sei eine Frau gewesen?«, entgegnete Naham verunsichert.

»Ja, das war ich auch in Terra und in Karakum. Doch in deinem Erdäum, da bin ich ein Mann. Man nennt mich hier Talim. Ich bin ein Bewacher für Kaufleute, die auf Reisen durch das Land sind.«, stellte sich Marsha vor und klärte die Situation auf.

»Und Püppi ist überall und immer unser Püppili.«, ergänzte Narash und freute sich unheimlich darüber, dass sie sich alle gesund und munter wieder gefunden hatten.

Naham wusste nichts von dem Verlust ihrer Familie und der schmerzlichen Ungewissheit zu dem Leben von ihrem Vater und ihrem Bruder.

»Püppili? Jetzt spinnt Narash völlig, oder? Was meinst du, Talim?«, lachte Jan und nahm die kleine Gruppe langsam mit zum Haus.

Die Stimmung war gut und die Freude gross.
Viele Menschen waren der Meinung, dass aufgekommene Ausgelassenheit und überschwängliche Freude niemals so intensiv von Menschen empfunden würde, wie in deren schlimmsten und finstersten Zeiten. Offenbar war das bei unserer kleinen Gruppe hier im Erdäum Lapilla ebenso.

Es braute sich in den parallelen Welten ein Unheil und ein Krieg zusammen, den es in dieser rohen und brutalen Form noch nie zuvor gegeben hatte. Es war eine innere Auseinandersetzung, aus der niemand entkommen konnte. Sie konnte die Träume und Gedanken der Menschen besetzen, sie vernichten und töten, ganze Erdäen auslöschen und sie in ein Nichts auflösen.

Während sie die Armee der Schatten und die abtrünnigen Xyrale immer weiter ausbreiteten und die Position der Föderation im Sein festigten, war hier eine kleine Gruppe begabter Menschen, Xyrale und ein Hund, die sich dieser Übermacht mit Vehemenz und Mut entgegen stellen wollte. Vielleicht waren es ihre letzten Stunden der Ausgelassenheit, bevor man sie hier in Lapilla entdecken würde und wiederfand.

Es gab ein schwach scheinendes Licht der Hoffnung in Binas Haus. Diese unscheinbare und rätselhafte Kugel, sie schwebte weiterhin in der Luft und rührte sich nicht.
Doch sie war da. Immer war sie da.
Manchmal schien es, als würde sie dort geduldig ausharren, um auf etwas zu warten. Inzwischen schenkte ihr kaum jemand aus der Gruppe noch Beachtung. Die Menschen vergessen die Anwesenheit von etwas immer schnell, wenn sie es nicht permanent mit ihren Augen sehen können. So dachte bald niemand mehr an das Licht der Hoffnung.
Zu beschäftigt waren die Menschen unserer kleinen Gruppe damit, sich kennen zu lernen, das neue Haus zu bauen und das Trainingslager zu planen.

Fast schien es so, als wollte sie alles vergessen, den Krieg, die Bedrohung und die Umbrae Mortis.

Vielleicht war alles auch nur einfach ein schlimmer Traum gewesen, nur eine verrückte Geschichte. Zu gerne hätte man ihnen ihre kleinen Augenblicke der Unbeschwertheit gelassen, Lapilla einfach vergessen und die Erinnerungen an dieses Erdäum einfach gelöscht.

Doch was wäre dann aus uns geworden?

Autor: © Alexander Rossa 2024

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