Der Erlebende

Ein Morgen. ( 3 )

»Ich sehe mich um und stelle fest, ich bin alleine.
Warum habe ich eigentlich noch eine Hose an?«

Ich liege in meinem Bett und sehe die Zimmerdecke.
Draußen höre ich ein Rauschen auf der Straße.
Es regnet wohl. Wind hört sich anders an.
Mir schmerzen die Knochen. Offenbar habe ich falsch gelegen.
Ich drehe mich auf die andere Seite.
Sofort fühle ich es – Kopfschmerzen.
Der Tag fängt ja gut an.
Meine Oberschenkel jucken.
Bei Regenwetter tun sie das oft. Ist wohl so eine Hautsache.
Stöhnend setze ich mich auf den Rand vom Bett.
Es ist kühl.
Ich spüre Unlust auf einfach alles.
Soll ich gleich eine Kopfschmerztablette nehmen?
Ich male mir aus, wie sich der Wirkstoff in meine Magenwände frisst.
Ich ahne, wie sich das Blut, ähnlich dem Wasser einer Sprinkleranlage, in meinen Magen ergiesst.
Nein, jetzt nehme ich keine Tablette.
Ich werde erst einmal etwas essen.

Müde und von hämmernden Kopfschmerzen geplagt, schleppe ich mich in das Badezimmer.
Der Boden ist kalt. Schmutz spüre ich unter meinen nackten Fußsohlen.
Genervt wühle ich meinen runzeligen, kleinen Pimmel aus der Hose und positioniere seinen dicken Kopf über der Kloschüssel.
Ich pinkle.
Das Pinkeln am Morgen nervt mich einfach nur. Man kann einfach nichts tun, solange man pinkelt. Ich bin müde.
Das Stehen fällt mir schwer. Der Kreislauf ist noch nicht vollkommen da.

Nachdem ich mein Geschlecht wieder eingepackt habe, wasche ich mir die Hände.
Ich wasche mir nach dem Pinkeln immer die Hände.
Zwar soll frischer Eigenurin nahezu keimfrei sein, aber ich habe mir das Waschen mit der Zeit einfach angewöhnt.
Das gehört sich einfach so. Wer will schon eine Pimmelhand schütteln?
Erstaunlich ist es, dass ich das Waschen jetzt rechtfertige.
Das Richtige sollte nicht gerechtfertigt werden müssen. Solche merkwürdigen Gedanken kommen mir oft.
Das liegt wohl an dem Vorurteil, dass Männer sich mutmaßlich weniger die Hände nach dem Urinieren waschen sollen, als Frauen.

Beim Waschen blicke ich in den Spiegel. Ich sehe grauenhaft aus. Unrasiert zu sein, das finde ich an mir hässlich.
Das Wasser ist erst kalt, wird dann langsam warm und stinkt.
Vielleicht hätte ich mir die Finger doch nicht waschen sollen?
Bei uns stinkt das warme Wasser in der Leitung immer.
Mit meinen noch nassen Fingern bewege ich mich danach in die Küche.
Dort fummle ich mir zwei Scheiben Toast aus der Tüte und überprüfe diese oberflächlich auf Schimmelpilzbefall.
Diese amerikanischen Toasts halten ewig und schimmeln selten.
Mir ist schon klar, dass es sich dabei wohl weniger um irgendeine Magie handeln wird.
Was für eine Ursache das wirklich hat, das möchte ich eigentlich nicht wissen. Mir würde das nichts bringen.     

Der volle Müllsack stinkt.
Abgewaschen hatte ich am Abend auch nicht.
Ich mag es nicht, wenn am Morgen die Küche nach altem Essen stinkt.
Meine Füße werden kalt.
Ich ziehe mir ein altes Messer aus der Schublade und versuche eine ausreichend große Menge Schokoladencreme auf das Messer zu bringen. Es ist jene dunkle Schokoladencreme, die sich eines ganz besonders großen Bekanntheitsgrades bei der Bevölkerung erfreut.
Ich bin süchtig danach.
Diese Aufgabe mit den beiden Toasts am Morgen, sie ist mir heute wieder einmal, einfach zu viel.
Ich will nur noch ganz schnell zurück in mein warmes Bett.
An ein echtes, klassisches Toasten, also im Sinne von aufwendigem Rösten, ist an diesem Morgen überhaupt nicht zu denken.
Dabei habe ich wirklich einen guten Toaster. Diesen habe ich mir genau dafür zugelegt. Dennoch nutze ich ihn fast nie.

Beim Auftragen der besagten Schokoladencreme schmiere ich mir die Finger voll.
Ich lecke also zuerst meine Finger ab, dann die Schneide vom Messer.
Das ist ein ganz normaler, allmorgendlicher Vorgang für mich geworden.
Fast schon lege ich es darauf an, mir die Finger einzuschmieren.
Diese schokoladige Süße zu so früher Stunde, ich liebe sie einfach.  
Nach Befriedigung meiner morgendlichen Gier, werfe ich das Messer einfach achtlos in die Spüle.
Der Lärm den es dabei verursacht, er ist einfach grausam.
 
Genervt nehme ich das weiche, eher pappige Toast in die eine Hand und öffne mit der anderen Hand, den Kühlschrank.
Den kalten Eistee möchte ich mir dort heraus holen.
Beim Hinunterbeugen zum Getränkefach, da dröhnt mir der Schädel ganz besonders unangenehm.
Als ich erkenne, dass die Verpackung vom Tee noch nicht geöffnet ist, fluche ich leise vor mich hin.
Mit schmerzenden Fingern fummle ich mit am Drehverschluss.
Mein Gesicht ist dabei grotesk verzerrt, weil die Finger viel Kraft aufwenden müssen.    

Eines der Toasts fällt plötzlich auf den Boden…

Aufregung flammt einen kleinen Augenblick lang in mir auf, als wäre sie ein schlafendes Raubtier, das man im Schlaf gestört hat.
Ich verharre einen Augenblick. Das Raubtier soll weiterschlafen.   
Dann klemme ich mir die Flasche mit dem Tee unter den Arm und hebe, unter den Anstrengungen schnaufend, das verlorene Toast auf.
Mein Kopf droht dabei zu zerspringen. Jedenfalls fühlt sich das so an. Diese Kopfschmerzen sind eine Plage.

Es bleibt etwas Schokoladencreme auf dem Boden zurück.
Natürlich bleibt es das!

Leise knurrend wische rasch mit meinem nackten Fuß darüber.
Als ein überzeugter Anhänger des mir bekannten Gesetzes der Verteilung, habe ich das verbriefte Recht zum Verwischen.

Mit Tee und Toast bei mir, schleppe ich mich zu meinem Bett und werfe die Flasche lustlos auf die Bettdecke.
Ich versuche unfallfrei mit den Toasts in der Hand in das Bett zu kriechen. Geschafft!

Mein Kopf jedoch, er scheint nun tatsächlich explodieren zu wollen.

Als ich schließlich in das weiche Brot beißen möchte, da wird mir plötzlich unangenehm bewusst, dass ich in der Küche, das Licht habe brennen lassen.

Was für ein beschissener Morgen!

Nachdem ich das erste Toast gegessen habe, öffne ich den Eistee und trinke aus der Flasche.
Dabei läuft mir ausnahmsweise einmal nichts kalt am Mundwinkel vorbei. Das tut mir gut.
Dann muss ich auf einmal an die Flasche denken, wie sie im Lager stand.
Womöglich haben Ratten am Verschluss geleckt. Ich hasse mich für diesen Gedanken.
Doch er ist einfach da, dieser nervende Gedanke.   

Ich schalte den Fernseher ein, um mich abzulenken.
Dort entdecke ich sogleich eine widerlich gut gelaunte Frau und Wetterfee die mir erzählt, was ich ohnehin schon bemerkt habe:
Es regnet.
Alt ist sie geworden, die gute Frau Fee.
Viele Morgen haben wir gemeinsam überlebt und viele Tiefdruckzonen gemeinsam verflucht.
 
Während ich am zweiten Toast wohl mehr würge, als das ich es genieße, verfolge ich das Frühstücksfernsehen.

Ich verstehe nicht, was diese seltsamen Leute mir da eigentlich erzählen wollen.
Diese aufgesetzte und plakativ zur Schau gestellte gute Laune der Moderatoren, sie nervt einfach nur.
Zum Umschalten jedoch, dazu bin ich zu träge. Es ist früher Morgen.
Mir reicht es da einfach aus, lebendige Menschen im Fernseher um mich zu haben, auch wenn sie nur viele Belanglosigkeiten streuen.

Das bin ich doch ohnehin schon gewohnt.
Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand beim Frühstücksfernsehen berichtet hat, dass es ihm oder ihr schlecht gehen würde, die Hämorrhoiden vielleicht gerade Probleme bereiten oder man wegen der quälenden Angst vor der geplanten Bandscheiben-Operation, nicht schlafen konnte und nun völlig gerädert ist.
So etwas gehört wohl nicht zum Job und zur Rolle und in das Bild der bunten TV-Zirkuswelt.
 
Eigentlich könnte man auch einen Synchronsprecher den gesamten Text übernehmen lassen.
Hauptsache ist doch offenbar, dass alles im Studio wunderbar kuschelig für die Zielgruppe formuliert und farblich mit dem Orangensaft auf dem Tisch abgestimmt wirkt.
Langweilig ist das für mich sehr und nur wenig inspirierend für meinen Tag.
Gerade am Morgen baut mich das nicht gerade auf.

Ich erhebe mich nach den Toasts erneut stöhnend aus dem Bett, um nach einer Kopfschmerztablette zu suchen.
Nach einer Erlösung von meinem Leid sehne ich mich.

Glück habe ich, es sind noch welche da.

Mit etwas Eistee nehme ich eine Tablette. Eine gute Stunde wird es dauern, bis sie spürbar wirkt. Ich habe da so meine Erfahrungen.

Unterwäsche und Strümpfe nehme ich mir aus dem Schrank. Davon muss ich mir bald neuen Nachschub kaufen, bemerke ich dabei.
Die Shorts und die Strümpfe halten heute bei Weitem nicht mehr so gut, wie noch vor 20 Jahren.
Massenproduktionen aus Fernost und der Versuch des Haltens der gleichen, niedrigen Preise über viele Jahre hinweg, beides fordert eben seinen Tribut.
Das ist wie mit den Bierpreisen in der Kneipe.
Viele Biertrinker erwarten einfach die gleichen Preise, wie noch für 30 Jahren. Das ist zwar unsinnig, aber dennoch erwarten sie das.
Da können die Erdnüsse zu Wucherpreisen angeboten werden, alles ist gut, wenn nur die Bierpreise stimmen.
Bei der Unterwäsche ist das wohl ähnlich.
Manchmal fliegen bereits beim ersten Pinkeln die ersten Knöpfe im hohen Bogen durch den Toilettenraum.
Das kann doch wirklich nicht normal sein. Für so einen Mist gibt man sein Geld aus. Das ist kaum zu fassen.

Im Bad wasche ich mich.

Ich wasche mich gerne warm. Besonders das lange und ausgiebige Putzen der Zähne in kaltem Wasser finde ich nicht wirklich aufbauend. Seit Jahren werden meine Zähne immer sensibler.
Dann ziehe ich mich nackt aus und setze mich auf die Toilette.
Gleich am Morgen zu Kacken, das wäre schon ein guter Tagesstart.
Doch auf meiner wackeligen Klobrille aus billigem Plastik, da vergeht einem die Freude auf Erleichterung.

Viele Leute haben Probleme mit ihrem Stuhlgang. Ich kann da wirklich nicht klagen.
Auch muss ich nicht ewig lange Herumdrücken und Pressen, sondern setze eher nur sehr wenig Schubkraft an, um stets mein gutes Fäkalpfund in das schneeweiße Becken zu setzen.
Es gibt wohl auch viele Leute, die lesen oder spielen auf der Toilette ewig lange mit ihrem Mobiltelefon herum, bevor sie zu einer erfolgreichen Sitzung gelangen.
Das kann ich nicht.
Hinsetzen, ansetzen, kacken, fertig.
Einen doch eher klassischen Ansatz für diesen Workflow bevorzuge ich.
Vielleicht ist das auch falsch gelebt, und mir entgehen dabei vielleicht ungeahnte anale Freuden.
Doch vermisse ich bis jetzt jedenfalls, nichts dergleichen. Ich ziehe es vor, rasch aufzustehen und sogleich zu spülen, um die Geruchsbelastung damit weitgehendst einzugrenzen.
Auch eine aufwendige Reinigung der Schüssel mit der Toilettenbürste nervt mich.
Daher lege ich die Schüssel vorher immer gut mit Toilettenpapier aus.
Da bleibt dann nur selten eine lästige Spur zurück, und es hilft doch zudem sehr dabei, einen sanften Abgang im Rohr sicherzustellen.
Das ist wohl fast ein wenig so, wie bei einem guten Wein.
Auch hier wünscht man sich ein einen möglichst sanften Korkenzug, ein angenehmes Volumen und einen guten Abgang.

So klappt es also auch an diesem Morgen nahezu perfekt.

Während die Spülung der Toilette noch laut vor sich hin rauscht, um den Spülkasten mit kaltem Wasser zu füllen, stelle ich mich unter die Dusche. Ein Wagnis ist das, da die Wassertemperatur extrem schwankt, wenn die Spülung noch läuft.
Morgens dusche ich zuerst warm, um meine alte, verspannte Muskulatur ein wenig aufzulockern. Nicht selten stellt sich dabei eine eher unwillkommene Erektion ein. Doch für eine gemütliche Selbstbefriedigung unter der Dusche, da bleibt mir kaum die Zeit.

Danach dusche ich immer sogleich eiskalt, um überhaupt richtig wach zu werden. Die Erektion fällt stets augenblicklich in sich zusammen.
Immer wieder erstaunt es mich, wie schnell das doch unter kaltem Wasser geht.
Allerdings ist diese kalte Dusche auch sehr atemberaubend und bringt reichlich Leben in mich zurück.
Doch da muss ich durch.  

Schwankend und etwas unsicher auf meinen Beinen, steige ich aus der Dusche und bemühe mich konzentriert, auf dem nassen Boden nicht auszurutschen. Hier im Bad auf den feuchten Fliesen ins Rutschen zu kommen, das würde mit großer Wahrscheinlichkeit einige recht üble Knochenbrüche nach sich ziehen.
Stehe ich endlich sicher, trockne ich mich ab.

Es ist durchaus sinnvoll, sich dabei den Kopf mit der einen Hand konzentriert festzuhalten, während man mit der anderen Hand die Haare abtrocknet. So verrenkt man sich nicht versehentlich den Hals.
Das ist in der Eile am frühen Morgen schnell geschehen. So ein verrenkter Hals, der kann einem schon die ganze Woche versauen.
Seit ich mir diese helfende Stütze angewöhnt habe, bin ich von so einem lästigen Ärgernis verschont geblieben.

Ich ziehe mir die besagten Shorts an.
Es fehlen immer Knöpfe am Hosenlatz.
Früher war die Qualität besser. (Das hatte ich bereits erwähnt.)
Hat man schließlich überhaupt keine Knöpfe mehr an den Shorts, was schnell geschehen kann, dann pendelt der Penis frei in der Hose umher. Nein, das ist nicht schön.
Hat man dann einmal in der Eile vergessen, den Hosenlatz zu schließen, da kann einem schon einmal im Bus oder in der Bahn, der etwas derbe anmutende Pimmelmatz frech heraushängen.
Das ist dann schon etwas peinlich, wie ich finde.
Dann kann ich doch auch gleich vollkommen nackt fahren, oder?

Ich streife mir nun die Hose über und rasiere mich danach nass.

Zähne werden auch geputzt.

Es folgen Deo und Düfte, um die Damenwelt zu begeistern und teure Cremes für die zarte Männerhaut.

Nach dem prüfenden Blick auf die Fingernägel, husche ich aus dem Badezimmer.

Ich muss mich beeilen. Spät bin ich dran.

Ich sehe sorgfältig nach, mein Hosenstall ist zu. Sogleich packe ich mir noch schnell meine Sachen zusammen, schalte alle Geräte in der Wohnung aus, öffne die Tür und was sehe ich dort?

Maike!

Sie blickt mir genau in mein Gesicht.
Gerade einmal wenige Zentimeter trennen uns.
Meine Nachbarin ist auch gerade auf dem Weg zur Arbeit.

Ich frage sie: »Na, auch auf dem Weg zur Arbeit?«
Bereits beim Fragen wird mir klar, dass ich ein Idiot bin.

»Hallo, Josh. Ja, bin schon spät dran.«

»Ja, ich auch…«, entgegne ich und senke meinen Blick.
Meine Verlegenheit muss sie einfach bemerken. Mist!

Ich folge ihr zum Fahrstuhl. Wie ein Hündchen komme ich mir dabei vor.
Maike sieht wieder fabelhaft aus.
Ihre Stimme klingt unglaublich weiblich.
Besonders wenn sie mich Josh nennt, klingt das ungemein schön.
Als wäre ihre Stimme für diesen Namen erschaffen worden, so klingt er, spricht sie ihn aus.
Eigentlich heiße ich Joshua. Maike nennt mich aber Josh.
Das ist vertrauter. Wir kennen uns. Gut, dass wir uns kennen.

Als sie auf den Knopf drückt, um den alten Fahrstuhl zu holen, gefällt mir ihre Hand mit den dünnen Fingern daran.
Wie sie mit ihrem Zeigefinger auf den Knopf drückt, das erscheint mir fast schon eine kunstvolle Darbietung zu sein.
Sie verharrt mit ihrem Finger über eine Sekunde auf dem Knopf.
Vielleicht möchte sie damit erreichen, dass ich ihre schön lackierten Nägel bemerke.
Ich bemerke sie. Aber nicht nur sie bemerke ich.
Ihren wunderbaren Duft bemerke ich ebenfalls. Maikes Parfüm ist betörend.
Gerne wäre ich ihr näher gekommen, um noch ein wenig zu schnuppern und ein wenig ihre Körperwärme zu spüren.
Doch schon blickt sie sich zu mir um.
Unsere Blicke treffen sich.

Ob sie ahnt, was ich mir wünsche?

Doch schon sieht sie wieder weg. Sie scheint etwas verlegen zu sein. Jedenfalls bilde ich mir ein, das zu bemerken.

Ich war zu forsch. Da bin ich mir sicher.

»Es wird heute bestimmt noch regnen.«, meint sie zu mir, wohl um mich ein wenig abzulenken und die Situation zu retten.

Doch ich sehe nur sie.

Mir ist das Wetter völlig egal.
Es könnte heftig stürmen und Tornados könnten durch die Straße ziehen, meine Gedanken lägen dennoch nur bei ihr.

»Mmhh…«, kommt es mir dabei ungemein geistreich, bis zu der natürlichen Barriere meiner Lippen, so dass dieser winzige Laut ein wenig kitzelt.

Dann öffnet sich die Fahrstuhltür.

Sie blickt wieder nach vorne. Dann geht sie in die Fahrstuhlkabine.

Ich folge ihr.

Sie drückt auf den Knopf, für eine Fahrt in das Erdgeschoss.
Die Tür schließt sich.
Wir sind alleine.
Ziemlich eng stehen wir zusammen. Fast berühre ich sie.
Ihr scheint das aber nicht unangenehm zu sein.
Nun bin ich wohl doch ein wenig verlegen.
Auf keinen Fall darf ich jetzt mit meinem Ellenbogen ihre wunderbaren Brüste berühren.
Dann bin ich bei ihr durch. Ganz sicher bin ich dann bei ihr abgeschrieben.
Der Grabscher aus der Nachbarschaft, das wäre ich dann wohl.
So nahe liegen sie also in meiner Welt bei einander, das Glück und das Unglück.

Ich gebe jedoch ehrlich zu, gerne einmal so richtig zugreifen zu wollen.
Ihre Brüste sind eine echte Wonne. Dabei habe sie noch nicht richtig gesehen, also nackt meine ich.
Vielleicht hat Maike auch ein wenig nachgeholfen.
Doch schon alleine meine kühnen Vorstellungen von ihnen, sie sind überaus erregend.
Würde ich auch nur einmal beherzt zugreifen, mir wäre dann zumindest eine schallende Ohrfeige und reichlich Verachtung sicher.
Was wäre ich für ein ungehobelter Kerl, täte ich das?

Sie dreht ihr Gesicht zu mir und lächelt mich nett an.
Ich fühle mich ertappt, muss mich erneut räuspern.
Tränenflüssigkeit läuft in meinen Augen zusammen.
Ob es an ihrem angenehmen Parfüm liegt oder an meinen, etwas ungezogenen Männergedanken, das vermag ich nicht zu erkennen.

Die Fahrstuhlkabine ruckelt, und die Schiebetür öffnet sich.
Gefühlt übertrieben schnell verlasse ich die Kabine und renne fast schon zur Haustür, um sie Maike möglichst galant zu öffnen.

Sie geht langsam an mir vorbei und meint: »Tschüss, Josh, wir sehen uns.«

»Ja, freue mich schon darauf.«, entgegne ich nur und blicke ihr nach.

Was rede ich da immer nur für einen Müll?!
Meine Antwort hat schon fast zynisch geklungen.
Dabei freue ich mich doch wirklich.
Maike ist meine Traumfrau, und sie wohnt gleich nebenan.

Ich lasse die Tür zufallen und gehe lustlos zu meinem Auto.
Es ist ein alter Golf.  Sicher ist er alt, aber dafür wenigstens bezahlt. Das ist mir wichtig.

Eine Katze aus der Nachbarschaft kreuzt meinen Weg.
Sie hat es gut. Katzen leben so, wie sie es wollen.
Ich jedoch lebe, wie es andere von mir erwarten.
Damit komme ich nur sehr schlecht zurecht.
Eigentlich ist ein solches Leben, ein verlorenes Leben.
Es erscheint mir fast, wie eine alte, muffig riechende Hütte, die kurz davor scheint, in sich zusammen zu fallen.

Doch wer interessiert sich schon für mein Leben?

Ich sollte mich dafür interessieren, und ein Ausbrechen ist schwierig.
Es ist leider nur eine bizarre Welt voller Zwänge und Verantwortungen, die mein Interesse auf niedrigem Niveau erfolgreich zu halten versteht.
Mein Leben ist ein permanenter und ungemein tragischer Verfall meiner Träume und Zukunftspläne.
Dramatisch ist es, wie meine Träume auf die schnöden Vorstellungen von dem Befingern der Brüste meiner Nachbarin, reduziert wurden.
Eine Schande ist das. Verkommen fühle ich mich. Ich bin verkommen.  

So beobachte ich traurig, wie der Alltag und die Umwelt jeden Tag meine Seele zerfrisst und korrodiert, ohne selbst mehr die Kraft aufbringen zu können, mich gegen diese Gewalt zu wehren.

Die Katze, ja, die beneide ich.

Ich schließe die Fahrzeugtür auf und setze mich in den Wagen.
Obwohl ich es eilig habe, fahre ich noch nicht gleich los.
Da ist sie wieder, diese entwaffnende Leere in mir. Nur ein ganz leises Rauschen in den Ohren, das höre ich.
Kraftlos und schlaff hängen meine Arme an den beiden Seiten meines Körper herab.
Gefangen bin ich. Ich könnte weinen.
 
Dort spaziert eine junge Mutter mit ihrem Kind.
Sie bringt es wohl in den nahen Kindergarten.
Die Frau trägt am frühen Morgen Stöckelschuhe. Sie hat ein Bolero Jäckchen an?
Das ist schon sehr auffällig.
Mit dem Mobiltelefon am Ohr, so stolpert sie telefonierend den Weg entlang.
Das Kind schlendert lustlos hinter seiner Mutter her.
Dann bleibt sie stehen und schreit das Kind an.
Es möge sich doch beeilen.
Das kleine Mädchen läuft sofort zur Mutter vor.
Es hat Angst. Man kann die Furcht in seinem kleinen Gesicht deutlich erkennen.
Die Mutter kaut Kaugummi und raucht dabei.
Sie hat Schwierigkeiten damit, alles das zu koordinieren.
Ich meine damit das Telefon in der einen Hand, die Zigarette in der anderen und zwischen dem Telefonieren, dem Kaugummi kauen, dem Rufen und dem Rauchen, zudem dann noch die Konzentration für das Laufen in Stöckelschuhen zu finden.
Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung.
Ihre Tochter wird sie später einmal sicherlich sehr bewundern.

Eigentlich sollte ich mich sinnlos betrinken.
So fühlt es sich heute an. Das Gefühl in mir, als Mensch existierend in dieser Welt, es lässt mich völlig verzweifeln.
Doch was bringt mir das? Am Ende wird mir das Betrinken nur noch zusätzlichen Kopfschmerz bereiten.
Dieses paralysierende Gefühl der Leere und Kraftlosigkeit, man kann es einfach nicht betäuben.
Man ist völlig leer und kraftlos. Hilft doch alles nichts.
Ich habe meinen eigenen Weg verloren und stolpere nur noch für andere Menschen durch diese Welt.
Ich folgen jenen, die laut brüllen können, um selbst nicht brüllen zu müssen.
Ich lebe im Schatten der Brüller.
Da gibt es heute wohl keinen Ausweg.

Also starte ich den Motor und fahre los.

Ich höre ein nahes Hupen.
Ja, ich habe vergessen, in den Rückspiegel zu sehen.
Das kann vorkommen.
Wie schlimm…
So ist das Leben.
 
Langsam fahre ich die Straße entlang. Es sind wenig Menschen unterwegs.
Zu meiner Arbeitsstelle ist es nicht sehr weit.
Nur ein paar Meter auf dieser Straße, dann ein Stück auf einer andere, danach noch eine kurze Distanz auf einer anderen Straße.
Jeden Tag folge ich der gleichen Strecke am Morgen und am Abend.

Ich schalte die Musik ein.
Radio höre ich nicht, sondern eine Konserve vom Datenstick.
Schön laut muss sie sein.
Die Bässe dröhnen.
Ich kann mir denken, dass die Menschen außerhalb des Autos davon genervt sind.
Aber ich brauche den Lärm, um wach zu bleiben und mich zu motivieren.
 
Vor mir fährt ein alter Mann. Deutlich kann ich die grauen Haare erkennen.
Eigentlich schleicht er mehr mit seinem Auto die Straße entlang, als das er auf ihr fährt.
Steif hängt dieser Methusalem hinter dem Steuer seines viel zu großen Prunkwagens.

Das geht mir Meter, für Meter, auf Nerven. Gerade wenn man es eilig hat, provoziert die Schleicherei ungemein.
Da kann man doch wirklich fahren, was offiziell auch erlaubt ist und muss nicht auf der Straße Schrittgeschwindigkeit fahren.
Dann hätte man auch die S-Bahn nehmen können.
Wahrscheinlich muss der Alte hier und jetzt überhaupt nicht einmal fahren und hätte auch eine Stunde später aufbrechen können.
Aber nein, mitten im Berufsverkehr die armen Leute nerven, das muss er nun.
Vielleicht fährt er genau aus diesem Grund hier entlang.
Er kann es eben.

Endlich kann ich abbiegen und auf der zweiten Straße weiterfahren.
Die Leiste tut mir heute weh. Ich hasse es, wenn mir auf dem Weg zur Arbeit die Leiste weh tut.
Ein schlechtes Omen ist das.

Irgendwie stinkt es plötzlich nach Feuer.
Durch die Lüftung kommt Gestank in das Auto.

Bereits ab dem Spätsommer fangen die Leute an, kontinuierlich nur noch am brennenden Kamin oder dem Bollerofen zu sitzen.
Dabei haben sie alle Zentralheizung.
Aber nein, sie müssen möglichst früh damit beginnen, allen normal durchschnittlichen Heizungsmenschen, mit ihrem noch nicht abgetrocknetem Holz, die Luft zu verpesten.
Das stinkt manchmal erbärmlich.
Als würden sie ihren Hausmüll verbrennen, was einige von ihnen sicherlich auch tun.
Letztes Jahr lag an einem Morgen auf meinem Golf eine richtig kleine Rußschicht verteilt.
Warum schaden mir die Menschen? Ich habe ihnen nichts angetan.

Doch was ist das?

Dort auf dem Bürgersteig trödelt eine ganz Hübsche vor sich hin.
Mann, was sieht die Frau klasse aus.
Genau mein Alter und meine Kragenweite.
Alles wunderbar proportioniert, schickes Haarwerk und ein liebliches Gesicht.
Dazu diese Augen. Sie sieht hübsch aus.   
Doch dann sehe ich sie auch schon nicht mehr.
Zu weit weg ist sie bereits.

Erneut verdamme ich diesen Morgen.
Ich regle die Musik lauter.

Dann bin ich schon auf der letzten Strasse und damit direkt auf der Zielgeraden zu meiner Arbeitsstelle.

Klasse, der Bus ist nun vor mir.

Ältere Kinder sitzen hinten und glotzen auf mich hinunter.
Ihre Blicke sind leer, hohl, und ihre Gesichter wirken auf mich feist und provozierend.
Sie zeigen mit dem Finger auf mich und lachen.
Toll, wenn das die Zukunft unseres Landes ist, dann ist hier nicht mehr viel zu erwarten.

Jetzt hält der Bus auch noch.
Dabei habe ich es eilig.

Als er wieder anfährt, stößt er eine dunkle Abgaswolke aus und setzt diese direkt vor meine Windschutzscheibe.
So schnell ich es vermag, schalte ich die Lüftung aus.
Doch schon stinkt das ganze Auto nach Abgasen.
Wenn etwas ganz übel an so einem Morgen ist, dann ist es so eine Abgaswolke.
Dieser Gestank ist kaum zum Aushalten.  

An meinem Ziel angekommen, suche mir einen Parkplatz.
Wieder ist alles besetzt.

Bevor man also mit seiner eigentlichen Arbeit beginnen kann, ist man eigentlich schon so sehr genervt, dass es prinzipiell für den gesamten Rest des Tages ausreicht.

Dann quetsche ich mich mit meinem alten Golf zwischen einen Zaun und ein anderes, bereits dort parkendes Fahrzeug und steige stöhnend aus, weil die Parklücke so schmal ist.

Deutlich gestresst laufe ich ganz schnellen Schrittes zum Eingang des alten Bürohauses.
Meine billige Shorts rutscht und gibt meiner Hose keinen richtigen Halt.
Auch bemerke ich, dass ich wund im Schritt bin.
Ich habe mich vorhin wohl nicht richtig abgetrocknet.
Völlig außer Atem renne ich die Treppen hinauf, bis in den zweiten Stock.

Alle sind schon da.
Ich bin einer der letzten, wenn nicht sogar der Letzte.
So empfinde ich es.

Helge ist auch schon da. Mit Helge sitze ich in einem Büro.
Er ist älter als ich, extrem dünn, was wohl vom vielen Rauchen kommt.
Er spricht so wenig, wie er arbeitet. Helge ist schon ein seltsamer Typ, aber eher ungefährlich.
Das kann man nicht von allen meinen Kollegen behaupten. Einige suchen immer Streit.
Manchmal erinnert die Arbeitswelt an ein Kriegsgebiet.
Oft sind es jene Kollegen, die nicht viel Arbeit am Tag haben und verrichten.
Streit ist bei einigen wohl so etwas wie eine probate Möglichkeit, die Arbeitszeit schneller herum zu bekommen.
Doch Helge ist da anders. Ich kann bis jetzt nicht klagen.
Er hat viel zu tun, arbeitet aber eher wenig und kennt Streiterei eigentlich überhaupt nicht.
Allerdings kennt er grundsätzlich fast überhaupt nichts.
Er ist Modellbauer und klebt kleine, bunte Plastikteilchen zusammen, wenn er Feierabend hat.
Das ist es schon. Er mag kein Sport, sieht keine Filme, hat keine Familie und interessiert sich eher weniger für Frauen.
Zudem isst er jeden Tag die gleichen, langweiligen Butterbrote und trinkt süßen Kräutertee.
Wenn man einmal bedenkt, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen, als ein Ehepaar zusammen ist, dann kann das eigentlich nur frustrierend sein.
So ist das eben mit der Arbeit.
Man hängt gezwungener Maßen mit einigen Kollegen jeden Tag mehr zusammen, als mit der eigenen Familie oder mit Freunden.
Das kann doch nur eine deutliche Glücksbremse im Leben sein.
Ist der Mensch nicht eher so ausgerichtet, dass er sich mit jenen Artgenossen umgeben möchte, die er mag, die ihm freundlich gesonnen sind oder die er liebt?
 
Nein, da muss man ihn also die überwiegende Zeit seines Lebens mit Menschen zur Arbeit einsperren, die er sich nicht einmal aussuchen konnte und die ihm in der Regel an den Karren fahren wollen. Das ist völlig idiotisch.

So richtig schmerzt dieser Gedankengang viele Menschen, wenn sie sich am Ende ihres Lebens darüber bewusst werden, dass sie auf diese Weise eine große Menge Zeit zum eigentlichen Lebensglück mit den ihnen wirklich wichtigen Menschen, vergeudet haben.
Das System ist hier völlig unnatürlich und lebensfeindlich.
Ja, ich habe eben an dieser Stelle Helge.

Das Büro stinkt nach Pfefferminztee.
Ohne ihn zu fragen weiß ich, dass alles im grünen Bereich ist.
Erst wenn es nach Kamillentee riecht, dann ist Ärger im Busch.

»Guten Morgen, Helge.«

»Morgen…«

Dann setze ich mich an meinen Tisch und schalte den Rechner ein.
Noch während mein Rechenknecht hochfährt, klingelt das Telefon.

Ich fluche.

Dann nehme ich ab, und höre mir die Beschwerde eines Kunden an.
Eigentlich brauche ich nun meinen Rechner.
Doch der fährt noch hoch.
Ich improvisiere.

Helge starrt regungslos auf seinen Bildschirm.
Obwohl ich den Kunden erwürgen könnte, bin ich extrem süß zu ihm.
Ich werde dafür bezahlt, extrem süß zu sein.
Als der Kunde auflegt, ist der Rechner endlich hochgefahren.

Dann ist es ganz ruhig im Büro.
Man kann sogar das Schnattern der Festplatte im Rechner hören.

Helge starrt weiter auf seinen Bildschirm.
Offenbar recherchiert er etwas.

Dann höre ich ein blubberndes Geräusch.
Helge hat gefurzt.
Klasse.

Ich werfe ihm einen missbilligenden Blick zu und kippe das Fenster.
Die Absicht habe ich, etwas von der weniger stinkenden Luft in den Raum zu lassen.
Hier in der Stadt und im Industriegebiet stinkt die Luft eigentlich immer.
Da muss man stets genau abwägen was schlimmer ist, bevor man das Fenster öffnet, der Gestank innen oder der Gestank von außen.

Helges Furze stinken immer nach Butterbrot. Das ist nicht verwunderlich, da er sich tatsächlich nur von diesen blöden Broten ernährt.

Helge blickt auf.
 
»Mensch, es ist doch schon kalt genug hier.«, beschwert er sich bei mir.

Ich antworte ihm nichts und arbeite an meinen Unterlagen weiter, die ich gestern leider nicht fertig bekommen habe.
Doch so richtig komme ich nicht voran, da das Telefon heute einfach nicht still stehen will.

Helge schafft es wieder einmal nicht, den Hörer auch nur einmal ein Gespräch anzunehmen.
Mich ärgert das, weil ich so meine andere Arbeit nicht erledigen kann.
 
Er starrt immer wieder gebannt auf den Bildschirm.
Das nervt mich allmählich.

Unter dem scheinheiligen Vorwand, etwas im Aktenschrank suchen zu müssen, wechsle ich ziemlich hastig auf seine Schreibtischseite.
 
Er versucht rasch den Bildschirm vor meinen Blicken zu verbergen.
Aber ich kann doch noch sehen, mit was er sich dort beschäftigt.
Der gute Helge ist doch tatsächlich wieder einmal bei dieser speziellen Auktionsplattform für Modellbauer und versucht offenbar, ein paar dieser kleinen, bunten Plastikteilchen zu ersteigern.
Helge spinnt wirklich.
Wenn das unsere Chefin heraus bekommt, dann ist er seinen Job los.
Sie fackelt da nicht lange. Ganz davon abgesehen würde ich es nett finden, täte er mich ein wenig im Büro unterstützen.
Das ist eigentlich auch sein Job.

Ich spreche ihn gleich darauf an.
Doch Helge weist alle Vorwürfe von sich.

Er muss ein paar Daten für das Controlling vergleichen, so meint er gelassen zu mir.
Dann fragt er mich, ob ich schlecht gelaunt sei, und ob ich es sein lassen könnte, meine schlechte Laune an ihm auszulassen.
Er hätte keine Lust darauf. Ich soll doch wieder nach Hause gehen, wenn ich schlechte Laune habe.

Dann sehe ich ihn kurz eine Weile sprachlos an.
Würden wir nur zweihundert Jahre früher zusammen gearbeitet haben, würde er nun von mir ein paar auf sein vorlautes Mundwerk bekommen. Damals regelte man so etwas ganz einfach und unbürokratisch.
Heute geht das leider nicht mehr. Da haben auch minderbemittelte Kleingeister eine starke Lobby und sind perfekt Rechtsschutz versichert.
Sie durchsetzen die Luft mit ihrem Methangas und dummen Sprüchen und leben in den weichen Flauschekissen der Leistungen anderer.
Dazu sind sie zumeist stärker und ausgeschlafener, als man selbst, da ihre Arbeit stets die Kollegen erledigen, was diese mit der Zeit natürlich auslaugt. Es gibt vergleichbare Verhaltensweisen in der Natur.    

Ich sehe also Helge an und meine: »Ist ja schon gut. Entschuldigung.«

Heulen könnte ich.
Doch ich gönne es ihm nicht, mein Leben zu zerstören, indem wir hier einen kleinen Krieg beginnen, der bekanntlich nur Verlierer kennt.
So einen Krieg ist mir dieser dürre, furzende Helge einfach nicht wert.
Wäre ich nicht von seiner Unterstützung irgendwie abhängig, könnte es mir eigentlich ohnehin völlig egal sein.
Doch ich bin es nun einmal. Diese Typen gibt es heute oft, und ihre Zahl erhöht sich jährlich.
Sie sind es auch, die sich dann immer am meisten über die Sozialhilfeempfänger im Staat aufregen.
Das ist alles schon sehr grotesk.

Meine ohnehin schon angeschlagene Laune ist an diesem Morgen dahin. Mürrisch setze ich mich zurück an meinen Platz und versuche meine Arbeit zu erledigen.

Helge scheint wieder auf seiner Auktionsplattform zu sein.

Es ist viel zu tun heute. Eigentlich wollte ich mir einen Kaffee holen, aber bekommen es einfach nicht hin.
Ich habe nicht einmal die Zeit, um Pinkeln zu gehen.

Als dann endlich einmal doch etwas Ruhe beim Telefon einkehrt, lehne ich mich einen Augenblick im Stuhl zurück.

Ich habe Rückenschmerzen.
Es ist noch nicht einmal Mittag, und ich bin völlig verspannt.

Dann öffnet sich die Tür, und die Chefin kommt herein.
Ich schrecke hoch.

»Was ist denn hier los? Ich denke, Sie arbeiten, und dann sehe ich, das Sie gleich in ihrem Stuhl einschlafen.«
 
»Ja, ich entschuldige mich. Aber mir ist gerade nicht so gut.«, gebe ich zurück.

»Wenn Sie krank sind, dann gehen Sie nach Hause. Sie sollten auch daran denken, nicht Ihren Kollegen anzustecken.
Der muss hier nämlich noch weiterarbeiten.«, meint die Chefin mit ernstem Ton und lächelt Helge aufmunternd zu.
Dann dreht sie sich wieder um und verlässt unser Büro.

Ich könnte kotzen. Das ist so etwas von typisch.
 
Helge schaut an seinem Monitor vorbei zu mir und grinst mich provokativ an.

»Na? Ich habe Dich ja gewarnt.«, flüstert er mir zu.

Ich koche vor Wut. Da ist er wieder, dieser furchtbare Augenblick, an dem ich alles so sehr satt habe.
Wieso muss ich mir diesen Müll antun? 
Wegen ein wenig Geld und um eine warme Wohnung und ein wenig Essen zu erhalten?
 
Ich habe keine Lust mehr.
Meine Arbeit fällt mir nun sehr schwer.
Mir ist es egal, ob die Chefin mich rauswirft.
Eigentlich ist mir inzwischen alles egal, wenn ich so richtig darüber nachdenke.
Der Gedanke an Gerechtigkeit, er ist doch bereits zu einer regelrechten Farce verkommen.
Man setzt diesen Keim »Gerechtigkeit« in die Köpfe der Menschen ein, um sie fein bei Laune und Produktivität zu halten.

Die Wirtschaft, sie muss brummen.
Alle Störfaktoren werden radikal beseitigt.

Man hat offenbar das Ziel, die Massen fest im Griff zu haben, um sie arbeiten und Steuern zahlen zu lassen.
Tanzt man aus der Reihe, auch wenn es noch so richtig und sinnvoll ist, dann ist man unten durch und nur noch lästiger Abschaum.
Hat man also eine Alternative?

Die vielen Zwänge und die Rollenerwartungen, denen man gnadenlos unterworfen ist, verschärfen sich mit zunehmendem Alter und lassen es irgendwann nicht mehr zu, aus diesem Korsett auszubrechen.
Es gibt kaum Alternativen.

Ich würde gerne in der Natur leben, ein Leben aus und mit der Natur führen, den echten Begabungen freien Lauf lassen.
Doch das geht nicht.
Ich muss mit der Herde grasen, in ihr albernes Geblöke mit einstimmen, mit ihnen pissen und scheißen, mich melken lassen, bis ich zum Schluss, auf einem Gnadenhof ende. Das werde ich aber nur, wenn ich viel Glück habe und vorher nicht sterbe.

Da Helge heute offenbar grundsätzlich nicht an das Telefon geht und ich sehr frustriert bin, klingelt das Telefon eben durch.
Die Zeit vergeht. Die Chefin trinkt Kaffee und Schnäpschen bei einem Geschäftstermin.
Die Mittagszeit naht.

Ich muss an Maike denken.
Sie ist es, was ich jetzt dringend benötige und nicht diesen Helge mit seinen unkontrollierten Winden.
Ihre seidene Haut würde ich gerne berühren, die vollen Lippen küssen und mit ihren schönen Haaren ein wenig spielen.
Sie duftet immer so fein, meine Maike. Ihr Duft ist nicht zu schwer und nicht zu süß, er ist überhaupt nicht protzig und nicht überzogen.
Er unterstreicht ihre weibliche Art nahezu perfekt.
Einige Frauen stinken regelrecht. Einige von ihnen tragen schwere, süße Parfüms, bei denen man sofort zu Würgen beginnt.
Offenbar finden diese Damen das schön. Doch ich finde das wirklich nicht sinnlich und nicht anregend, sondern nahezu schon obszön.

Maike ist da anders. Alles ist an ihr anders.

Ich meine schon, ich gehe nun zum Mittagessen.
Sonst denke ich noch an ihre wohlgeformten Rundungen.
Dann werde ich wohl nicht mehr in die Kantine gehen können, weil man meine Erektion sehen wird.
Männer haben es auch nicht immer so leicht, wie es manche Frauen meinen.

Autor: © Alexander Rossa 2024

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